Ein Haus an der Fabrik, nicht an der Prachtstraße
Lodzer Fabrikanten trennten Wohnen und Arbeiten selten, und der Scheibler-Palast ist dafür das klarste Beispiel: Er steht am früheren Wassermarkt, dem heutigen Plac Zwycięstwa, wenige Schritte von der ersten Spinnerei des Besitzers und von dem Park, der zu diesem Besitz gehörte. An der Piotrkowska hatte er nichts zu suchen — die Repräsentation bestand in der Nachbarschaft des eigenen Werks.
Entstanden ist das Gebäude 1856 nach einem Entwurf von Jan Karol Mertsching und war damals deutlich schlichter. Den ersten Umbau führte man 1865 aus, als Familie und Firma zugleich wuchsen.
Die heutige Gestalt erhielt das Haus erst nach dem Tod des Gründers. 1884–1887 baute der Warschauer Architekt Edward August Lilpop die Residenz im Auftrag der Witwe Anna Scheibler zu einem zweigeschossigen Neorenaissancebau um. Von außen bleibt der Palast zurückhaltend; der ganze Ehrgeiz steckt im Inneren.
Eine Raumfolge, die nicht ausgeräumt wurde
Der Wert dieses Hauses liegt darin, dass das Erdgeschoss als zusammenhängende Raumfolge überlebt hat und nicht nur als Sammlung einzelner Reste. Die Zimmer liegen in einer Enfilade: Arbeitszimmer des Besitzers, Spiegelsaal, neomanieristischer Speisesaal, maurisches Zimmer und neorokoko Schlafzimmer. Jeder Raum hat einen anderen Stil — eine bewusste Demonstration dessen, was sich die Familie leisten konnte.
Die Ausstattung kam aus Berlin, Dresden und Paris: Vertäfelungen, Imitationen von Korduanleder, gemusterte Tapeten, Malereien, Öfen und Büfetts. Im Arbeitszimmer hat sich ein Mosaik von 1886 des venezianischen Stuckateurs Antonio Salviati erhalten — die einzige gesicherte Arbeit dieser Werkstatt in Lodz.
Das Obergeschoss mit den privaten Wohnräumen verlor den größten Teil seiner Ausstattung. Geblieben sind Deckenstuck, der Fußboden im Bad und ein Teil der Fensterschreinerei. Dieses Ungleichgewicht ist selbst eine Information: Das Erdgeschoss war zum Zeigen da und wurde deshalb gehütet, das Obergeschoss war Zuhause und wurde von späteren Nutzern entsprechend freier behandelt.
Sieben Jahrzehnte wechselnde Nutzer
Bis 1932 wohnte die Familie im Palast. Die Firma stand kurz vor dem Konkurs, geriet in ein Sanierungsverfahren, und das Gebäude ging an die Bank Gospodarstwa Krajowego als größte Gläubigerin. Von 1933 bis September 1939 vertrat sie hier General Feliks Maciszewski.
Im Krieg belegte zeitweise die deutsche Polizei einen Teil der Zimmer, Hauptnutzer war die Wehrmacht. Ab Ende Mai 1945 richtete man im Palast das Rektorat der neu gegründeten Technischen Universität Lodz ein, das bis 1950 hier blieb.
Dann kam die Musik: Von 1957 bis 1990 arbeitete im Gebäude eine staatliche Musikschule der ersten Stufe, in den letzten Jahren nur noch im ehemaligen Stallgebäude. Erst diese Reihenfolge — Wohnhaus, Bank, Quartier, Hochschule, Schule — erklärt, warum von der ursprünglichen Ausstattung so viel und zugleich so wenig erhalten ist.
Filmmuseum und Kaiserpanorama
Seit 1986 ist der Palast Sitz des Museums für Kinematografie, der einzigen polnischen Einrichtung zur Filmgeschichte; ihre selbstständige Arbeit begann am 1. April jenes Jahres. Die Adresse war kein Zufall: Lodz war die Stadt der Filmhochschule und der Produktionsstudios, und der Palast selbst diente vielen Produktionen als Drehort.
Wertvollstes Objekt der Sammlung ist ein Kaiserpanorama aus dem 19. Jahrhundert, gebaut von der Firma August Fuhrmann und im früheren Badezimmer des ersten Obergeschosses aufgestellt. Das Gerät zeigte einer Gruppe stereoskopische Bilder — ein Vorläufer des Kinos, bei dem man im Kreis um eine drehbare Trommel saß; weltweit sind nur wenige Exemplare erhalten.
In der umgebauten Remise läuft seit dem 6. Oktober 2006 das Studiokino Kinematograf. Das Museum führt durch die Räume, auch auf Englisch, und bietet eine Tast- und Hörtour für blinde Gäste. Seit 2019 lief eine gründliche Modernisierung: neues Treppenhaus, Aufzug, verstärkte Decken, Abdichtung der Fundamente.
Warum Geschichtsdenkmal
Im Denkmalregister steht der Palast seit dem 3. Oktober 1957, danach noch zweimal, 1964 und 1971. Den höchsten Schutzstatus bekam er jedoch nicht einzeln, sondern im Paket.
Mit Verordnung des polnischen Präsidenten vom 16. Februar 2015 wurde „Łódź — multikulturelle Landschaft einer Industriestadt” zum Geschichtsdenkmal erklärt. Die Eintragung besteht aus mehreren getrennten Stadtteilen, und einer davon ist das Fabrik-, Residenz- und Wohnensemble Karl Wilhelm Scheiblers, zu dem dieser Palast gehört. Die Begründung nennt das größte Textilindustriezentrum des Landes und eines der größten im Europa des 19. Jahrhunderts.
Damit ist klar, wie dieses Haus zu lesen ist: nicht als einzelne Residenz, sondern als Teil einer Anlage, in der Fabrik, Palast, Arbeitersiedlung und Park nach einer Idee entstanden. Den weiteren Teil dieser Anlage sieht man wenige Minuten entfernt in Księży Młyn.
Anreise
- Mit der Straßenbahn — der Plac Zwycięstwa liegt an Linien zwischen Zentrum und Südosten der Stadt, die Haltestelle ist direkt am Palast.
- Mit der Bahn — vom unterirdischen Bahnhof Łódź Fabryczna sind es eine kurze Straßenbahnfahrt oder etwa zwanzig Minuten zu Fuß über die ul. Kilińskiego.
- Mit dem Auto — Zufahrt über die ul. Przybyszewskiego oder ul. Targowa; in der Umgebung gilt städtische Parkraumbewirtschaftung.
- Zu Fuß weiter — bis zu Spinnerei und Arbeiterhäusern von Księży Młyn sind es gut zehn Minuten, und der Park gegenüber gehörte früher zum selben Besitz.
Praktische Hinweise
Die Innenräume erschließen sich am besten mit Führung oder bei einer Veranstaltung zum Gebäude selbst, denn ohne Erklärung liest sich die Enfilade als Sammlung schöner Zimmer und nicht als durchdachte Folge. Die Gruppen sind klein, eine Anmeldung im Vorfeld ist nötig.
Das Kaiserpanorama steht im früheren Badezimmer und wird bei einem schnellen Durchgang leicht übersehen. Es verdient mehr Zeit als Kameras und Plakate — es ist das älteste und seltenste Stück im ganzen Haus.
Der Palast lässt sich gut mit Księży Młyn zu einem Nachmittag verbinden: erst das Haus des Besitzers, dann Fabrik und Siedlung. Umgekehrt wirkt er schwächer, weil der Maßstab des Werks die von außen schlichte Residenz anschließend klein erscheinen lässt.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Plac Zwycięstwa in Łódź, der frühere Wassermarkt — im Südosten der Innenstadt, am Park und an Scheiblers erster Spinnerei
- Datierung
- Bau 1856 nach Entwurf von Jan Karol Mertsching; Umbau 1865; Neorenaissance-Umbau 1884–1887 nach Edward August Lilpop
- Was erhalten ist
- die Enfilade im Erdgeschoss: Arbeitszimmer mit Mosaik Antonio Salviatis von 1886, Spiegelsaal, neomanieristischer Speisesaal, maurisches Zimmer, neorokoko Schlafzimmer
- Schutzstatus
- Denkmalregister seit 3. Oktober 1957; Teil des Geschichtsdenkmals „Łódź — multikulturelle Landschaft einer Industriestadt” vom 16. Februar 2015
- Im Inneren
- Museum für Kinematografie, das einzige in Polen, seit 1986; in der Sammlung ein Kaiserpanorama der Firma August Fuhrmann, in der Remise seit 2006 das Studiokino Kinematograf
- Zugänglichkeit
- Führungen auf Polnisch und Englisch für kleine Gruppen nach Anmeldung; Tast- und Hörtour für blinde Gäste
- Zeitbedarf
- eine Stunde für die Ausstellungen, etwa anderthalb Stunden mit Führung durch die Räume
- Aktuelle Öffnungszeiten und Tickets
- offizielle Seite des Museums für Kinematografie in Łódź
Wann am besten
Der Park gegenüber wird in diesem Stadtteil zuerst grün, und der Weg zwischen Palast und Księży Młyn ist dann am angenehmsten.
Zeit für Vorführungen im Hof und im Studiokino. Die Räume bleiben kühl, was in der Lodzer Innenstadt für sich zählt.
Beste Zeit für die Innenräume: Der kurze Tag zeigt gut, wie das Licht in der Enfilade geplant war, und nach den Ferien wird es ruhiger.
Der Besuch findet vollständig unter Dach statt, und eine Abendvorstellung in der alten Remise schließt ihn im selben Quartier ab.
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Entfernungen in Luftlinie ab „Palast Karl Scheiblers in Łódź (Lodz)" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
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