Warum er 1892 entstand
Łódź, im 19. Jahrhundert eine der großen Textilstädte Europas, wuchs in einem Tempo, das kaum vorstellbar ist — und mit ihr die jüdische Gemeinde. Der alte Friedhof an der Wesoła-Straße konnte nicht mehr erweitert werden, der Streit darüber fiel mit einer Choleraepidemie zusammen. Der neue Friedhof wurde am 10. November 1892 eröffnet; die ersten Beisetzungen jenes Winters betrafen etwa siebenhundert Opfer der Seuche.
Die ersten zehneinhalb Hektar schenkte der Fabrikant Izrael Poznański. Das Areal wurde mehrfach erweitert und umfasst heute über vierzig Hektar in hunderteinunddreißig Feldern.
Die Zahl der Beigesetzten wird auf hundertachtzigtausend bis zweihundertdreißigtausend geschätzt. Der Berliner Friedhof Weißensee ist flächenmäßig größer, hat aber deutlich weniger Grabmale — nach der Zahl der Grabstätten ist Łódź der umfangreichste erhaltene jüdische Friedhof Europas. Er wird weiter genutzt und von der Jüdischen Gemeinde Łódź betreut.
Das Mausoleum Poznański
An der Hauptallee steht das Mausoleum von Izrael Poznański, so groß, dass man es den letzten Palast des Fabrikanten nennt. Es gilt als größtes jüdisches Grabmal der Welt und als einziges mit Mosaikdekor; die mosaikverkleidete Kuppel gehörte nach dem Krieg zu den ersten restaurierten Teilen der Anlage.
Es ist kein Einzelfall, sondern der Extremfall. In den Nachbarfeldern liegen die weiteren Familien, die das industrielle Łódź gebaut haben: Barciński, Jarociński, Konstadt, Rosenblatt. Ihre Grabbauten treten als Kapellen, Portiken und Mausoleen auf, oft mit gusseisernen Gittern und importiertem Steinmaterial — ein Katalog des Geschmacks des Lodzer Großbürgertums um 1900.
Daneben ruhen Menschen, die man eher aus Biographien kennt: Rabbiner Eliasz Chaim Majzel, der Arzt Seweryn Sterling, der Maler Stanisław Heyman sowie die Eltern von Julian Tuwim und Artur Rubinstein. An nicht genau bestimmten Stellen sind über sechshundert Roma und Sinti begraben.
Trauerhalle und Jugendstil
Am Eingang steht das Bestattungshaus, die Bet Tahara, in der die Toten rituell gewaschen wurden. Es wurde 1898 nach einem Entwurf von Adolf Zeligson fertiggestellt, finanziert vor allem von Mina Konstadt. Mit rund 850 Quadratmetern bebauter Fläche ist es das größte seiner Art in Polen und wirkt mehr wie ein Repräsentationsbau als wie ein Friedhofsgebäude.
Besucher, die nur die strengen traditionellen Stelen kennen, staunen hier: Neben ihnen stehen Grabmale im Jugendstil, mit Pflanzenornament und weicher Linienführung — auf jüdischen Friedhöfen eine Seltenheit. Zusammen mit den Fabrikantengrüften ergibt das das Bild einer Gemeinde, die zur Hälfte traditionell und zur Hälfte assimiliert und sehr wohlhabend war.
Die Ziegelmauer rund um das Gelände hat den Krieg überdauert. Innen wachsen über achttausend Bäume; seit 2021 läuft ein Pflegeprogramm, denn die alten Kronen schützen die Grabsteine und bedrohen sie gleichzeitig.
Das Ghettofeld
Von 1940 bis 1944 lag der Friedhof innerhalb des Ghettos Litzmannstadt, des größten Ghettos in den ins Reich eingegliederten Gebieten. In seinem nordöstlichen Teil entstand das heute Ghettofeld genannte Areal, in dem die im Ghetto Verstorbenen und Ermordeten beigesetzt wurden. Hier liegen über fünfundvierzigtausend Menschen in Einzel- und Massengräbern.
Das Ghettofeld unterscheidet sich von allem anderen auf diesem Friedhof: keine Steinarchitektur, sondern gleichmäßige Reihen niedriger Tafeln und weite leere Flächen, weil viele Bestattungen nie identifiziert werden konnten. In einer Ecke sind 1944 ausgehobene Grabgruben zu sehen, die nicht mehr belegt wurden.
1956 wurde hier ein Denkmal für die Opfer des Ghettos und der Vernichtungslager eingeweiht, ein Obelisk mit dem Motiv einer gebrochenen Eiche. Die jahrzehntelang vernachlässigte Fläche wurde erst in den neunziger Jahren systematisch instand gesetzt.
Schutz und Gräberdatenbank
Am 17. September 1980 wurde der Friedhof unter der Nummer A/276 in das Denkmalregister eingetragen, 1984 gründete sich ein Komitee zu seiner Rettung. Restaurierungsarbeiten laufen seit den neunziger Jahren mit Unterbrechungen und betreffen einzelne Grabmale wie das Bestattungshaus.
Am 16. Februar 2015 erklärte der polnische Staatspräsident das Ensemble „Łódź — multikulturelle Landschaft einer Industriestadt” zum Geschichtsdenkmal. Der Neue Jüdische Friedhof ist einer von fünf Bestandteilen, neben dem Alten Friedhof an der Ogrodowa-Straße und mehreren Fabrik- und Wohnensembles. Die Begründung nennt ausdrücklich die Friedhöfe verschiedener Konfessionen als Spiegel der multikulturellen Struktur der alten Stadt.
Die Gemeinde führt gemeinsam mit der Stiftung Monumentum Iudaicum Lodzense eine Datenbank der Beigesetzten mit Angaben zu etwa neunzigtausend Personen, die weiter ergänzt wird. Für die Suche nach dem Grab eines Vorfahren ist das der Ausgangspunkt — auf vierzig Hektar ein bestimmtes Grab selbst zu finden, ist praktisch unmöglich.
Anreise
- Mit öffentlichen Verkehrsmitteln — das Haupttor liegt an der Bracka-Straße im Norden von Łódź, im Stadtteil Bałuty; mit Tram oder Bus aus der Innenstadt etwa eine halbe Stunde.
- Mit dem Auto — das Gelände wird von den Straßen Bracka, Zagajnikowa, Zmienna und Inflancka begrenzt; geparkt wird in den Seitenstraßen.
- Zu Fuß — vom Bahnhof Łódź Fabryczna etwa eine Stunde, unterwegs liegen der Park der Überlebenden und die Gedenkstätte Bahnhof Radegast, von dem aus deportiert wurde.
- An einem Tag — der Alte Friedhof an der Ogrodowa, die Manufaktura und der Poznański-Palast ergänzen das Bild des industriellen Łódź, das dieser Friedhof von der anderen Seite erzählt.
Vor dem Besuch
Dies ist kein stillgelegtes Denkmal, sondern ein genutzter Friedhof der jüdischen Gemeinde. Entsprechend gelten die üblichen Regeln: Männer bedecken den Kopf, man bleibt leise, tritt nicht auf die Platten und verschiebt keine Steine. Dem Brauch folgend sind jüdische Friedhöfe am Schabbat und an Feiertagen geschlossen — den Besuchstag also vorher festlegen.
Für die Hauptallee mit dem Poznański-Mausoleum genügt eine Stunde. Ghettofeld, Bestattungshaus und Fabrikantenfelder brauchen zwei bis drei Stunden, und selbst dann hat man vielleicht ein Zehntel der Fläche gesehen. Das Gelände ist uneben, teils verwachsen, die Wege nach Regen matschig.
Statt Blumen legt man auf jüdische Gräber kleine Steine — das älteste und einfachste Zeichen dafür, dass jemand da war. Wer ein bestimmtes Grab sucht, beginnt mit der Datenbank und nicht mit dem Umhergehen.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Bracka-Straße im Norden von Łódź, Stadtteil Bałuty — zwischen den Straßen Bracka, Zagajnikowa, Zmienna und Inflancka
- Gründung
- eröffnet am 10. November 1892; die ersten zehneinhalb Hektar schenkte Izrael Poznański
- Fläche
- über vierzig Hektar, hunderteinunddreißig Grabfelder
- Beigesetzte
- geschätzt hundertachtzigtausend bis zweihundertdreißigtausend Menschen, darunter über fünfundvierzigtausend im Ghettofeld
- Nicht verpassen
- Mausoleum Izrael Poznański, Bestattungshaus von 1898, Fabrikantenfelder, Jugendstil-Grabmale, Ghettofeld und das Denkmal von 1956
- Schutzstatus
- Denkmalregister seit dem 17. September 1980; Teil des Geschichtsdenkmals „Łódź — multikulturelle Landschaft einer Industriestadt” seit dem 16. Februar 2015
- Zeitbedarf
- eine Stunde für die Hauptallee, zwei bis drei Stunden für Ghettofeld und historische Grabfelder
- Regeln
- Männer bedecken den Kopf; am Schabbat und an jüdischen Feiertagen geschlossen
- Aktuelle Öffnungszeiten und Tickets
- offizielle Website mit Gräberdatenbank
Wann am besten
Vor dem Laubaustrieb erkennt man die Feldstruktur und blickt weit in die Alleen — auf diesem Gelände eine echte Hilfe. Nach der Schneeschmelze sind die Wege weich.
Achttausend Bäume geben Schatten, die Hitze ist hier geringer als in der Stadt. Das Grün verdeckt viele Grabmale, in den hinteren Feldern gibt es Mücken.
Die beste Zeit für diesen Besuch: tiefes Licht, farbige alte Bäume über der Steinmetzarbeit, und der Friedhof ist fast leer. Die Tage sind noch lang genug.
Ohne Laub wirkt alles strenger, und die Ausmaße des Ghettofeldes treten am deutlichsten hervor. Kurze Tage und Schnee begrenzen den Besuch auf zwei bis drei Stunden.
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Entfernungen in Luftlinie ab „Neuer Jüdischer Friedhof in Łódź" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
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