Eine Stadt, drei Konfessionen, ein Friedhof
Łódź war im 19. Jahrhundert eine Zuwandererstadt: polnische Weber, deutsche Meister aus Sachsen und Schlesien, jüdische Kaufleute, russische Beamte. Der Friedhof, der 1855 an der Ecke Ogrodowa und Srebrzyńska angelegt wurde, hat diese Ordnung wörtlich abgebildet — drei getrennte christliche Begräbnisplätze auf einem Gelände, jeder mit eigenem Tor und eigener Kapelle.
Die Größenverhältnisse sprechen für sich: der katholische Teil umfasst rund elf Hektar, der evangelisch-augsburgische neun, der orthodoxe knapp einen — zusammen etwa einundzwanzig Hektar. Gebaut wurde über mehrere Jahre bis zum Ende der 1850er Jahre, und von Anfang an war klar, dass hier keine Pfarrgrablege entstand, sondern die Nekropole einer Stadt, die binnen einer Generation von der Webersiedlung zum Industriezentrum wurde.
Für deutsche Besucher ist der evangelische Teil der interessanteste: auf vielen Platten stehen deutsche Namen und deutsche Inschriften, denn ein großer Teil der Łódźer Textilindustrie wurde von Zuwanderern aus Sachsen, Schlesien und Württemberg aufgebaut. Wer den Mauerdurchgang nimmt, wechselt in wenigen Schritten die Sprache der Grabsteine.
Die Scheibler-Kapelle und ein Wettbewerb über drei Jahre
Karl Wilhelm Scheibler, der größte Baumwollfabrikant der Stadt, starb 1881. Seine Witwe Anna, geborene Werner, wollte ein Mausoleum, das dem Vermögen entsprach, und der Stadtbaumeister Hilary Majewski schrieb im Juni 1883 einen Wettbewerb aus — den ersten offenen Architekturwettbewerb in der Geschichte von Łódź. Aus elf Arbeiten wählte die Jury den Entwurf des Warschauers Jan Hinz; die Familie lehnte ihn ab.
Der zweite Wettbewerb folgte im Dezember desselben Jahres. Sechzehn Entwürfe mit dreizehn Modellen wurden im März 1884 in Warschau gezeigt; ein erster Preis wurde nicht vergeben, der zweite ging an Piotr Brukalski und Mikołaj Tołwiński. Auch das genügte der Auftraggeberin nicht. 1885 beauftragte sie direkt den Warschauer Architekten Edward Lilpop, der Józef Pius Dziekoński hinzuzog.
Gebaut wurde 1885 bis 1888. Die Neugotik folgt französischen und deutschen Vorbildern, mit deutlichen Anklängen an den Wiener Stephansdom und die Pariser Sainte-Chapelle. Am 1. September 1888 wurde die Kapelle von Pastor Wilhelm Angerstein geweiht. In der Gruft ruhen Karl Scheibler und seine früh verstorbenen Söhne Leopold und Felix, später weitere Familienmitglieder, darunter Karl Scheibler II. und die Witwe selbst.
Was nach 1945 geschah
Der evangelische Teil blieb nach 1945 nahezu schutzlos. Die kleine Gemeinde konnte zwanzig Hektar nicht pflegen, und die Behörden sahen keinen Anlass, deutsche Namen auf Grabsteinen zu bewahren. Die Gruft der Kapelle wurde geschändet, Särge zerstört; Fialen, Kreuzblumen und die metallenen Engelsfiguren nach dem Entwurf von Andrzej Pruszyński fielen über die Jahrzehnte von der Fassade.
Erst Ende der 1970er Jahre begann die Sicherung: 1978 entstand eine photogrammetrische Bauaufnahme unter Leitung des Ingenieurs Jacek Tyrowicz, die Fenster wurden zugemauert, das Gelände eingezäunt. Den eigentlichen Wendepunkt brachte 1991 die evangelisch-augsburgische Gemeinde, die das Dach erneuern ließ und damit die Decken rettete.
Worauf man achten sollte
- Scheibler-Kapelle — neugotisch, im evangelischen Teil, das wertvollste Bauwerk der Anlage
- Heinzl-Kapelle — neorenaissance Mausoleum von 1899 bis 1904 nach einem Entwurf des Berliner Architekten Franz Schwechten, beherrscht den katholischen Teil
- Grabmäler der Grohman, Geyer, Kunitzer und Kindermann — dieselben Namen stehen an den Fabrikfassaden der Innenstadt
- Mausoleum der Familie Gojżewski — im kleinen orthodoxen Teil, neben Gräbern zarischer Beamter und Soldaten
- Grabplastik der Gründerzeit — etwa das Denkmal für Sophie Biedermann oder das Grab eines auf einem Kissen schlafenden Kindes
Eine Sammlung, die den Friedhof erhält
Seit 1995 stehen an Allerheiligen Freiwillige mit Sammelbüchsen an den Toren. Die Aktion geht auf den Fernsehjournalisten Wojciech Słodkowski zurück, der sie bis 2012 selbst leitete; seit 1999 organisiert sie die Gesellschaft zur Pflege des Alten Friedhofs. Mehrere Dutzend Grabmäler wurden so restauriert, und man sieht es: fertig hergerichtete Grüfte stehen neben solchen, die noch warten.
2009 entstand der Dokumentarfilm Nekropolis von Andrzej B. Czulda, der die Geschichte des Friedhofs und die Fabrikantenzeit der Stadt zusammen erzählt.
Denkmalschutz
Alle drei Teile stehen seit dem 16. September 1980 unter Denkmalschutz, unter den eigenen Registernummern A/273, A/274 und A/275. Zusätzlich sind über zweihundert einzelne Grabstätten eingetragen.
Seit 2015 liegt die Anlage im Gebiet des Geschichtsdenkmals „Łódź — multikulturelle Landschaft einer Industriestadt”, anerkannt durch Verordnung des polnischen Präsidenten vom 16. Februar 2015, in Kraft seit dem 7. März desselben Jahres. Die Verordnung nennt den Alten Friedhof neben der Piotrkowska, dem Plac Wolności und den Komplexen von Geyer, Scheibler und Poznański.
Anfahrt
- Straßenbahn — Linien über Legionów und Zachodnia, dann wenige Minuten westwärts zu Fuß
- Zu Fuß — von der Manufaktura und dem Poznański-Palais die Ogrodowa nach Westen, etwa eine Viertelstunde
- Auto — Zufahrt über Srebrzyńska und Ogrodowa; in den Tagen vor Allerheiligen ist das Viertel verstopft
- Tore — der katholische Teil wird von der Ogrodowa betreten, die beiden anderen Teile haben eigene Eingänge
Praktische Hinweise
Dies ist kein Skulpturenpark, sondern ein Friedhof, an dem Angehörige weiterhin Blumen niederlegen — entsprechend leise bewegt man sich hier. Für einen Teil rechnet man eine Stunde, für alle drei mit den Kapellen einen halben Tag.
Die Wege sind überwiegend unbefestigt und nach Regen weich, der alte Baumbestand gibt dichten Schatten. Am meisten sieht man im blattlosen Halbjahr: dann ist der Turm der Scheibler-Kapelle von weitem frei und die Inschriften sind gut lesbar. Wer die Atmosphäre sucht, kommt am Abend des 1. November, wenn die ganze Anlage in Kerzen steht.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Łódź, Ecke Ogrodowa und Srebrzyńska, westlich der Manufaktura
- Fläche
- rund 21 Hektar: katholisch 11 ha, evangelisch-augsburgisch 9 ha, orthodox knapp 1 ha
- Angelegt
- 1855
- Sehenswert
- Scheibler-Kapelle, Heinzl-Kapelle, Mausoleum Gojżewski, Grabmäler der Familien Grohman, Geyer, Kunitzer und Kindermann
- Schutzstatus
- Denkmalregister Nr. A/273, A/274 und A/275 vom 16. September 1980; über 200 einzeln eingetragene Grabstätten; im Gebiet des Geschichtsdenkmals vom 16. Februar 2015
- Dauer
- eine Stunde je Teil, ein halber Tag für die gesamte Anlage
- Eintritt
- frei; der Friedhof ist weiterhin Begräbnis- und Besuchsort
- Aktuelle Öffnung und Tickets
- städtisches Tourismusportal von Łódź
Wann am besten
Der alte Baumbestand treibt erst aus, die Architektur der Grabmäler bleibt lange gut sichtbar. Nach dem Winter zeigt sich deutlich, welche Steine auf Restaurierung warten.
Die stillste Zeit; unter Ahorn und Esche ist es kühler als in den Straßen der Innenstadt. Das dichte Grün verdeckt allerdings Teile der Quartiere.
Höhepunkt ist Allerheiligen mit tausenden Kerzen, allen drei Teilen geöffnet und der Sammlung für den Denkmalerhalt. An den übrigen Novembertagen ist es hier fast leer.
Ohne Laub wird die Gliederung der Quartiere lesbar und der Kapellenturm ist vom anderen Ende der Allee zu sehen. Die Wege sind fester, können aber glatt sein.
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Entfernungen in Luftlinie ab „Alter Friedhof in Łódź" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
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