Ein Schinkel-Entwurf in Großpolen
Für deutsche Besucher ist Kórnik vor allem aus einem Grund interessant: Der heutige Bau geht wesentlich auf Pläne von Karl Friedrich Schinkel zurück. Graf Tytus Działyński ließ sich ab den 1820er Jahren von mehreren Architekten beraten — darunter Antonio Corazzi und Henryk Marconi — entschied sich aber für Schinkels Entwurf, den er anschließend mit seinem Mitarbeiter Marian Cybulski abwandelte.
Entstanden ist eine Neugotik englischer Prägung: Zinnenkränze, Türmchen, Spitzbogenfenster. Über dem Haupteingang im Norden sitzt ein flacher Tudorbogen, darüber das Wappen Ogończyk der Działyński. An der Ostseite kam ein Turm aus rotem Backstein hinzu, an der Südseite ein indischer Bogen, der wohl dem Royal Pavilion in Brighton nachempfunden ist. Die Westterrasse fällt zum Kórnicker See ab — von dort stammt die bekannteste Ansicht des Schlosses.
Was unter der Neugotik steckt
Der Kern ist viel älter. Im 14. Jahrhundert ließ der Posener Bischof Mikołaj von Kórnik hier einen Wehrturm errichten; ein erhaltener Vertrag mit dem Zimmermann Mikołaj belegt, dass der gemauerte Bau ab 1426 entstand und um 1430 fertig war. Mauern der unteren Geschosse und die Keller stammen noch aus dieser Zeit.
1565 baute Stanisław Górka die gotische Burg zu einer Renaissanceresidenz um; 1574 war Heinrich von Valois auf dem Weg zur Krönung nach Krakau hier zu Gast. Nach dem kinderlosen Tod Górkas 1592 wechselte der Besitz mehrfach, bis 1676 die Familie Działyński übernahm. Im 18. Jahrhundert gab Teofila Szołdrska-Potulicka dem Haus barocke Formen und legte einen Garten französischen Stils an.
Museum, Bibliothek und ein preußisches Nachspiel
Das Museum zeigt die Räume weitgehend so, wie die Eigentümer sie hinterlassen haben: Möbel mehrerer Epochen, polnische und europäische Malerei, Skulpturen, Waffen, Münzen, Porzellan und Silber. Der eindrucksvollste Raum ist der Maurische Saal, dessen Arkaden dem Löwenhof der Alhambra nachgebildet sind. Unter dem Turm liegt eine völlig andere Sammlung: ethnografische und naturkundliche Stücke aus Australien und Ozeanien, mitgebracht vom letzten Besitzer Władysław Zamoyski.
Das Schloss ist Sitz der Kórnicker Bibliothek der Polnischen Akademie der Wissenschaften, einer der größten Bibliotheken des Landes. Zu ihren Beständen gehören Handschriften von Adam Mickiewicz, Autografen Chopins und eine frühe Erzählung aus der Hand Napoleon Bonapartes.
Die Geschichte des Hauses hat auch eine preußische Seite: 1885 musste Zamoyski Kórnik verlassen und konnte erst 1920 zurückkehren. 1924, kurz vor seinem Tod, übertrug der kinderlose Graf Schloss, Sammlungen und Arboretum der polnischen Nation. Seit dem 11. Juli 2011 ist die Schloss- und Parkanlage samt Pfarrkirche und Grablege der Eigentümer als Pomnik historii eingetragen, die höchste Denkmalkategorie Polens.
Das Arboretum
Der Park ist in Wahrheit ein Arboretum, 1826 von Tytus Działyński angelegt und von Sohn und Enkel erweitert. Es gilt als das älteste und größte Polens und gehört heute zum Institut für Dendrologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften; über dreitausend Baum- und Straucharten und -sorten wachsen hier.
Neben jahrhundertealten Linden, Buchen und Eichen stehen Exoten: über hundertjährige Magnolien, griechische Tannen und Sumpfzypressen, die ihre typischen Atemwurzeln aus dem Boden schieben. Die beste Zeit ist der Mai, wenn Magnolien, Rhododendren und Azaleen blühen, und der Oktober mit der Herbstfärbung.
Anfahrt und Hinweise
- Mit dem Auto — von Poznań über Gądki oder die Schnellstraße, etwa eine halbe Stunde. Parkplätze am Ortseingang, von dort wenige Minuten zu Fuß.
- Mit der Bahn — nächster Bahnhof ist Gądki an der Strecke Poznań–Wrocław, die letzten Kilometer mit Bus oder Taxi.
- Mit dem Bus — Vorortlinien aus Poznań halten im Ortszentrum, nahe dem Parkeingang.
- Gut zu wissen — die Innenräume werden in Gruppen und mit Führung besichtigt; wer zuerst das Schloss und danach den Park einplant, kommt am entspanntesten durch. Für beides zusammen sollte man einen halben Tag rechnen.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Kórnik, Kreis Poznań, Woiwodschaft Großpolen, rund 20 km südlich von Poznań (Posen)
- Dauer
- etwa eine Stunde Führung im Schloss, mindestens ebenso lange im Arboretum
- Denkmalschutz
- Pomnik historii seit dem 11. Juli 2011, Denkmalregister seit 1930
- In der Nähe
- Kórnicker See, Pfarrkirche mit der Grablege der Eigentümer, Arboretum des Instituts für Dendrologie
- Aktuelle Öffnungszeiten und Eintritt
- Kórnicker Bibliothek der Polnischen Akademie der Wissenschaften
Wann am besten
Die stärkste Zeit für das Arboretum: Im Mai blühen Magnolien, Rhododendren und Azaleen, und durch das noch lichte Laub bleibt das Schloss vom Park aus gut sichtbar.
Im Schloss kann es an Wochenenden eng werden, doch der Park gibt tiefen Schatten und die Terrasse über dem Kórnicker See ist dann der angenehmste Platz der Anlage.
Der Oktober gehört den Bäumen: Ahorne, Sumpfzypressen und alte Eichen färben sich unterschiedlich schnell, die Farben halten länger als in einem gewöhnlichen Park.
Wenige Besucher, kurze Wartezeiten und klare Architektur — ohne Laub sind Zinnen, Türmchen und der indische Bogen an der Südseite vollständig zu sehen.
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Entfernungen in Luftlinie ab „Schloss Kórnik" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
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