Fünf Kirchen an einer Stelle
Was heute von außen zu sehen ist, ist der fünfte Bau an derselben Stelle. Unter dem Fußboden fanden Archäologen Reste eines Steingebäudes aus dem späten 9. Jahrhundert und darüber die Mauern jener Kirche, in der 977 Herzogin Dobrawa, die Gemahlin Mieszkos I., bestattet wurde.
Nach dem Einfall des Böhmenherzogs Břetislav im Jahr 1038 lag die Kirche in Trümmern. Der romanische Neubau wurde 1064 geweiht und über zwei Jahrhunderte erweitert, bis der Ostteil einstürzte.
Den gotischen Neubau begann in den 1340er Jahren Erzbischof Jarosław Bogoria; um 1390 waren Chor und Langhaus fertig. Es ist eine dreischiffige Basilika mit Chorumgang — ein Grundriss, der es Pilgern erlaubt, das Heiligengrab zu umschreiten, ohne den Gottesdienst zu stören.
Nach und nach legte sich ein Kranz von vierzehn Kapellen um den Bau, gestiftet von Erzbischöfen und Magnatenfamilien. Jede hat ihren eigenen Stil und ihre eigene Gruft; ein Rundgang außen herum ist damit ein Durchgang durch vierhundert Jahre polnischer Grabkunst.
Das Jahr 1000
Bischof Adalbert von Prag, ein Böhme aus dem Geschlecht der Slavnikiden, starb 997 auf seiner Mission bei den heidnischen Prußen. Bolesław Chrobry kaufte den Leichnam frei und ließ ihn in Gniezno beisetzen. Zwei Jahre später wurde Adalbert heiliggesprochen — ungewöhnlich schnell.
Im März 1000 reiste Kaiser Otto III. an dieses Grab. Aus dem Treffen, das als Akt von Gnesen in die Geschichtsbücher einging, ging das Erzbistum Gniezno hervor, die erste Kirchenprovinz auf polnischem Boden, direkt dem Papst unterstellt. Erster Erzbischof wurde Radzim Gaudentius, ein Halbbruder Adalberts.
Seither gilt Gniezno als „Mutter der polnischen Kirchen”. Seit 1419 tragen die hiesigen Erzbischöfe den Titel Primas von Polen, und 1931 verlieh Pius XI. der Kathedrale den Rang einer Basilica minor.
Die Bronzetür
In der Südvorhalle hängt die Gnesener Bronzetür, gegossen um 1175 und als bedeutendstes romanisches Kunstwerk Polens eingestuft. Achtzehn Reliefbilder erzählen das Leben und das Martyrium des heiligen Adalbert, von der Geburt über die Mission bis zum Freikauf des Leichnams.
Ein technisches Detail verrät zwei verschiedene Werkstätten: Der linke Flügel wurde in einem Stück gegossen, der rechte aus vierundzwanzig einzeln gegossenen Teilen zusammengesetzt. Beide Flügel sind gut drei Meter hoch.
Wer Hildesheim oder Verona kennt, hat hier den östlichsten Vertreter derselben Gattung vor sich — und einen der wenigen, dessen Bildprogramm nicht biblisch, sondern biographisch ist. Gelesen wird von unten nach oben am linken und von oben nach unten am rechten Flügel.
Silbersarg und fünf Krönungen
Die Reliquien des heiligen Adalbert ruhen in der Mitte der Kirche in einem Silbersarg von 1662, geschaffen vom Danziger Goldschmied Peter von der Rennen. Er ersetzte einen älteren, von König Sigismund III. gestifteten Sarg, den die Schweden 1655 fortschafften. Im Inneren liegt ein hölzernes Kästchen aus dem 12. Jahrhundert.
Daneben liegt eine Grabplatte aus rotem Marmor von 1480, ein Werk von Hans Brandt aus Danzig. Der Silbersarg wurde 1986 gestohlen und schwer beschädigt zurückgewonnen; die Restaurierung zog sich über Jahre.
Gekrönt wurden hier fünf Herrscher: Bolesław Chrobry (1025), Mieszko II. (1025), Bolesław der Kühne (1076), Przemysł II. (1295) und der Böhme Wenzel II. (1300). Danach ging die Krönungsrolle an Krakau über.
Beschuss 1945 und Regotisierung
Am 23. Januar 1945, zwei Tage nach dem Einmarsch der Roten Armee, wurde die Kathedrale beschossen. Turmhauben und Dächer brannten, Gewölbeteile stürzten ein, die Orgel ging verloren. Von der barocken und klassizistischen Ausstattung dreier Jahrhunderte blieb wenig übrig.
Der Wiederaufbau Ende der fünfziger und in den sechziger Jahren nahm eine bis heute umstrittene Richtung: Statt den Vorkriegszustand zu rekonstruieren, entschieden sich die Denkmalpfleger für eine Regotisierung und entfernten die verbliebenen barocken Elemente. Das Ergebnis wirkt einheitlich — um den Preis der verlorenen Schichten.
1994 gehörte die Kathedrale zu den ersten Objekten, die Polen zum Geschichtsdenkmal (Pomnik historii) erklärte, der höchsten nationalen Schutzstufe.
Unterkirche und Turm
Unter dem Fußboden führt ein Rundgang durch tausend Jahre: Mauerreste der Kirche Mieszkos I., Fundamente eines Steinbaus aus dem späten 9. Jahrhundert und die älteste bekannte Grabinschrift Polens, datiert um 1006.
In den Grüften unter den Kapellen liegen Erzbischöfe und Primasse, darunter Ignacy Krasicki, Bischof und einer der wichtigsten Dichter der polnischen Aufklärung. Die Namen auf den Platten sind weitgehend die Namen jener, die das Land über Jahrhunderte mitregierten.
Einer der Türme ist als Aussichtspunkt zugänglich. Von oben überblickt man die Stadt, den See Jelonek am Fuß des Hügels und die Ebene, durch die der Piastenweg zu Ostrów Lednicki, Biskupin und Kruszwica führt.
Anreise
- Mit der Bahn — Gniezno liegt an der Strecke Poznań – Inowrocław; von Posen dauert die Fahrt etwa vierzig Minuten, vom Bahnhof zum Domhügel sind es fünfzehn Minuten zu Fuß.
- Mit dem Auto — von Posen über die Landesstraße 5, aus Richtung Thorn und Bromberg über Inowrocław. Parkplätze gibt es in der Innenstadt, direkt am Hügel nur wenige.
- Zu Fuß in der Stadt — Kathedrale, Museum der Anfänge des polnischen Staates und Marktplatz liegen in Gehweite beieinander.
- Auf dem Piastenweg — Ostrów Lednicki liegt auf halbem Weg nach Posen, Biskupin rund vierzig Kilometer nördlich; daraus wird gut eine Zweitagestour.
Praktische Hinweise
Die Kathedrale ist Pfarrkirche und Primassitz zugleich. Innenraum, Unterkirche, Turm und Bronzetür werden außerhalb der Gottesdienstzeiten gezeigt; die Kasse neben dem Dom, betrieben vom Erzbistumsmuseum, regelt alles an einer Stelle.
Für die Kathedrale allein reicht eine Stunde, mit Unterkirche, Turm und einem ruhigen Blick auf die Bronzetür werden es zwei, mit dem Museum ein halber Tag. In der Unterkirche ist es auch im Sommer kühl und feucht.
Turm und Unterkirche sind nur über steile Treppen erreichbar und für Menschen mit eingeschränkter Mobilität nicht zugänglich. Der Kirchenraum selbst ist deutlich leichter zu besuchen.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Lech-Hügel im Zentrum von Gniezno (Gnesen), Woiwodschaft Großpolen, rund fünfzig Kilometer östlich von Posen
- Sehenswert
- Kirchenraum, Grab des heiligen Adalbert, Gnesener Bronzetür, Unterkirche und Aussichtsturm
- Alter
- der heutige gotische Bau entstand ab den 1340er Jahren und war um 1390 im Wesentlichen fertig
- Status
- Basilica minor seit 1931, Geschichtsdenkmal (Pomnik historii) seit 1994
- Zeitbedarf
- eine Stunde für die Kathedrale, etwa zwei Stunden mit Unterkirche und Turm
- Anreise ohne Auto
- Zug von Posen nach Gniezno, dann fünfzehn Minuten zu Fuß
- Barrierefreiheit
- Turm und Unterkirche nur über steile Treppen; der Kirchenraum ist zugänglich
- Aktuelle Öffnungszeiten und Tickets
- offizielle Seite der Kathedrale beim Erzbistum Gniezno
Wann am besten
Der Hügel grünt, und vor den Schulausflügen der Sommermonate ist es ruhig. Gute Zeit für die Unterkirche ohne Wartezeit.
Hochsaison auf dem Piastenweg, vormittags mit Reisegruppen. Die Kühle des Steinbaus ist an heißen Tagen ein Argument für sich.
Weniger Besucher und nachmittags schönes Licht auf den Fassaden. Vom Turm sieht man die Farben der ganzen Umgebung.
Die stillste Zeit des Jahres, allerdings richtet sich die Besichtigung stark nach den Gottesdiensten, besonders um die Feiertage. Für die Unterkirche empfiehlt sich eine warme Jacke.
Weitere Sehenswürdigkeiten in der Woiwodschaft Großpolen
Entfernungen in Luftlinie ab „Dom zu Gniezno" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
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