Fünfunddreißig Jahre bis zum Nationalpark
Den Gedanken, die Wälder am Góreckie-See zu schützen, fasste 1922 der Posener Botaniker Adam Wodziczko, der den Naturschutz in Polen überhaupt erst als eigenes Fachgebiet begründete. 1933 gelang eine symbolische Reservatsausweisung, doch der Nationalpark entstand erst am 16. April 1957 — fünfunddreißig Jahre nach dem ersten Antrag und zwölf Jahre nach einem Krieg, der diese Wälder stark gelichtet hatte.
Anfangs umfasste der Park etwas über 52 km², heute sind es 75,8 km², umgeben von einer Pufferzone ähnlicher Größe. Er liegt in der Woiwodschaft Großpolen im Dreieck Luboń – Stęszew – Mosina, also rund fünfzehn Kilometer südlich der Posener Innenstadt. Wer auf der Strecke Berlin–Warschau unterwegs ist, kommt ohnehin an Posen vorbei.
Die Stadtnähe ist Vorzug und Problem gleichzeitig. Dies ist der am leichtesten erreichbare Nationalpark Polens — mit dem Nahverkehrszug hin und am selben Tag zurück — aber die Besucherzahlen gehen in die Hunderttausende pro Jahr, und das merkt man auf 75 Quadratkilometern. Deshalb sind achtzehn streng geschützte Teilflächen mit zusammen etwa 260 Hektar vom Verkehr ausgenommen und liegen wie Inseln im übrigen Park.
Was das Inlandeis zurückließ
Die Landschaft ist ein Lehrbuch der letzten Kaltzeit. Das skandinavische Eis zog sich hier vor über zehntausend Jahren zurück und hinterließ das vollständige Formeninventar: End- und Grundmoränen, Ose — lange schmale Wälle, aufgeschüttet von Flüssen, die in Spalten des Eises liefen —, Kames, Dünen und tiefe Rinnen, in denen heute die Seen liegen.
Das Gelände ist niedrig: die höchste Erhebung, die Osowa Góra, erreicht knapp über 130 Meter. Die Höhenunterschiede zwischen Oskamm und Rinnensohle sind dennoch überraschend deutlich, und man geht hier mehr auf und ab, als die Karte vermuten lässt.
Mitgebracht hat das Eis auch Findlinge aus Skandinavien, die über den ganzen Park verstreut liegen. Der größte, der Försterstein (Głaz Leśników), hat fast 10,5 Meter Umfang und steht als Naturdenkmal unter Schutz. Für Geologen ist er ein Reisebericht: Sein Gestein kommt in Polen nirgends natürlich vor.
Seen und eine Ruine auf der Insel
Im Park liegen über ein Dutzend Seen, aufgereiht in charakteristischen Ketten, weil sie alle dieselben eiszeitlichen Rinnen ausfüllen. Die bekanntesten sind Góreckie, Budzyńskie, Kociołek, Witobelskie, Dymaczewskie, Jarosławieckie und Rosnowskie; der kleinste, der Żabiak, ist eher ein Tümpel als ein See.
Der Góreckie-See ist das Wahrzeichen: etwa hundert Hektar Fläche, bis zu 17 Meter tief, steile bewaldete Ufer und zwei Inseln. Auf der größeren, der Schlossinsel, stehen die Ruinen eines romantischen Schlösschens, das im 19. Jahrhundert für Klaudyna Potocka, geborene Działyńska, errichtet wurde. Eine Festung war es nie — es sollte von Anfang an die Landschaft zieren, und als Ruine tut es das weiterhin.
Am Ufer, im Ort Jeziory, unterhält der Park ein Naturkundemuseum. Dort anzufangen ist sinnvoll, denn ohne eine Vorstellung davon, was ein Os und was eine Rinne ist, sieht diese Landschaft einfach nur nach welligem Wald aus.
Natur in Zahlen
- Pflanzen — über 900 Farn- und Blütenpflanzen, dazu etwa 170 Moos- und 120 Flechtenarten; die Kiefer stellt knapp 70 Prozent des Baumbestands, ein Erbe der früheren Forstwirtschaft.
- Vögel — über 180 Arten; Seen mit Schilfgürteln und alte Bäume am Wasser lassen Wald- und Wasserarten auf kleiner Fläche zusammenkommen.
- Säugetiere — mehr als vierzig Arten, von Rothirsch, Rehwild und Wildschwein bis zu Fledermäusen in Kellern und alten Bäumen.
- Insekten — über dreitausend nachgewiesene Arten, ein Vielfaches aller Wirbeltiere zusammen.
- Pilze — annähernd dreihundert Arten, viele davon an altes Holz gebunden, das in den Schutzflächen niemand entfernt.
Anreise
- Mit der Bahn — die bequemste Variante: von Posen in Richtung Wolsztyn, Ausstieg in Puszczykowo, Puszczykówko oder Mosina; vom Bahnsteig sind es wenige Minuten bis zum Wanderweg.
- Mit dem Auto — Zufahrt über Stęszew, Mosina oder Luboń; an Wochenenden sind die Parkplätze an den beliebten Einstiegen schon vormittags voll.
- Mit dem Fahrrad — aus den südlichen Stadtteilen von Posen auf Radwegen erreichbar; im Park selbst gelten ausgewiesene Radrouten, abseits davon ist Radfahren untersagt.
- Zu Fuß — mehrere markierte Wege mit zusammen einigen Dutzend Kilometern lassen Touren von zwei Stunden bis zu einem ganzen Tag zusammenstellen.
Praktische Hinweise
Der größte Fehler ist, diesen Park für einen Stadtwald zu halten. Die streng geschützten Flächen sind markiert und tatsächlich gesperrt, ihre Grenzen verlaufen manchmal wenige Meter neben dem Weg. Ein Abstecher ins Unterholz, zum Pilzesuchen oder als Abkürzung, ist hier ein Verstoß und kein Versehen — Pilze und Beeren werden im Nationalpark grundsätzlich nicht gesammelt.
Bleibt nur Zeit für eine Runde, dann die Umgebung des Góreckie-Sees mit Blick auf die Schlossinsel und einem Anstieg auf den Oskamm am Ufer. Es ist der kürzeste Weg zum Verständnis, warum dieses Gebiet schutzwürdig ist, obwohl es von oben nach gewöhnlichem großpolnischem Mosaik aus Wald und Feld aussieht.
Wochenenden von Mai bis September sind voll — der Park ist das Spaziergelände einer Großstadtregion. Ein Werktag oder der frühe Morgen verändert das Erlebnis vollständig, bei genau derselben Strecke.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Woiwodschaft Großpolen, im Dreieck Luboń – Stęszew – Mosina, etwa 15 km südlich von Posen
- Fläche
- 75,8 km², mit 18 streng geschützten Teilflächen von zusammen rund 260 Hektar
- Gründungsjahr
- 1957
- Höchster Punkt
- Osowa Góra, knapp über 130 Meter
- Zeitbedarf
- von zwei Stunden auf einer kurzen Runde bis zu einem ganzen Tag
- Anreise ohne Auto
- Nahverkehrszug von Posen nach Puszczykowo, Puszczykówko oder Mosina
- Aktuelle Öffnungszeiten und Tickets
- offizielle Website des Parks
Wann am besten
Bevor das Laub die Sicht nimmt, erkennt man von den Oskämmen die Anordnung der Rinnen und Seen — der beste Moment, die Geländeform zu begreifen. Noch wenig Verkehr.
Die meisten Besucher, besonders an Wochenenden und an den Seen. Der Schatten der Buchen- und Eichenpartien ist bei Hitze eine Rettung.
Farbiges Laub über dem Wasser und deutlich weniger Spaziergänger. Pilze werden im Nationalpark trotzdem nicht gesammelt, so verlockend sie aussehen.
Der blattlose Wald legt die Geländeform und die Inselruine frei. Bei Frost tragen die Seen Eis, doch das Betreten ist verboten und gefährlich.
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Entfernungen in Luftlinie ab „Nationalpark Großpolen" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
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