Sehenswürdigkeit der Region Woiwodschaft Masowien

Die Warschauer Neustadt — die stillere Hälfte der Altstadt

Wenige Schritte hinter der Barbakane endet der Besucherstrom, und ein Viertel beginnt, das fast vier Jahrhunderte lang eine eigene Stadt war. Die Neustadt (Nowe Miasto) hat ihren eigenen Marktplatz, sechs Kirchen auf kurzer Strecke und das Geburtshaus von Marie Curie.

fot. SchiDD, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Zwei Städte, eine Mauer dazwischen

Warschau besitzt zwei historische Zentren, und zwischen ihnen liegt nur der Durchgang unter der Barbakane. Nördlich davon beginnt die Straße Freta und mit ihr ein Viertel, das sich jahrhundertelang selbst verwaltete. Herzog Janusz I. von Masowien löste die Siedlung 1408 aus der Gerichtsbarkeit der Altstadt heraus, 1414 erhielt sie eine eigene Selbstverwaltung mit Rat und Rathaus.

Der Unterschied zur Altstadt war sichtbar: dort Stadtmauern, Handelsprivilegien und dicht gedrängte Bürgerhäuser, hier eine offene, niedrigere Bebauung mit Handwerk, Brauereien und Gärten bis zur Weichselböschung. Mit den Reformen des Vierjährigen Sejms wurde die Neustadt 1791 in die Stadt Warschau eingegliedert; ihr Rathaus riss man 1818 ab.

Ein Markt ohne Rathaus

Der Neustädter Markt wirkt dadurch bis heute ungewöhnlich leer — es fehlt der Baukörper in der Mitte. Statt dessen steht dort ein gusseiserner Brunnen mit einem Mädchen und einem Einhorn, aufgestellt um 1957 nach dem Vorbild des Stadtsiegels von 1648. Die Ostseite schließt die barocke Kasimirkirche mit dem Kloster der Sakramentinnen ab, ein Zentralbau aus den Jahren 1688–1692.

Das ursprüngliche Stadtgebiet umfasste neben dem Markt die Straßen Freta, Kościelna, Koźla, Przyrynek, Stara und Zakroczymska. Wer diese Namen abgeht, umschreitet genau die mittelalterliche Grenze.

Kirchen, Paläste und Lücken

  • Mariä-Heimsuchung am Przyrynek — die älteste Pfarrei des Viertels, gestiftet von Herzog Janusz I. und seiner Frau Anna Danuta zu Beginn des 15. Jahrhunderts, etwas abseits auf der Böschung.
  • St. Hyazinth mit Dominikanerkloster an der Freta, erbaut 1603–1639.
  • St. Benno von 1669, Heilig-Geist-Kirche von 1707–1717 und St. Franziskus von 1733 — alle innerhalb weniger Gehminuten.
  • Paläste der Adelsfamilien Sapieha (1731–1736), Sierakowski (1784) und Raczyński (1786); der Kotowski-Palast von 1682–1684 wurde nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut.

Marie Curie, geboren an der Freta

Im Haus der Familie Łyszkiewicz an der Freta kam Maria Skłodowska-Curie zur Welt. Heute erinnert dort ein Museum an ihr Leben und ihre Arbeit. Bemerkenswert ist der Maßstab: ein gewöhnliches Mietshaus an einer einst belebten Geschäftsstraße, kein Palais. Es zeigt, aus welchen Verhältnissen die später zweifache Nobelpreisträgerin kam — aus dem Bürgertum einer Stadt unter russischer Herrschaft, in der Frauen kein Universitätsstudium offenstand.

Zerstörung und Wiederaufbau

Während des Warschauer Aufstands vom 1. August bis 2. Oktober 1944 gehörte die Neustadt zu den am härtesten umkämpften Abschnitten; die Bebauung wurde fast vollständig zerstört. Der Wiederaufbau begann 1954, die Arbeiten am Markt und seiner Umgebung endeten am 1. September 1956.

Das Ergebnis ist kein Faksimile. Straßenverlauf, Baukörper und Fassaden wurden rekonstruiert, Details jedoch vereinfacht, Höfe aufgelockert und einzelne Gebäude bewusst weggelassen. Wer das Viertel für unversehrt hält, sieht in Wahrheit die Handschrift der Denkmalpfleger und Architekten der 1950er Jahre — ein Thema, über das in Warschau noch heute diskutiert wird.

Anfahrt und Hinweise

  • Zu Fuß — vom Königsschloss über den Altstädter Markt und die Barbakane, dann geradeaus die Freta hinauf; etwa eine Viertelstunde.
  • Metro — Station Ratusz Arsenał (Linie M1), von dort über die Straßen Długa oder Bonifraterska.
  • Tram und Bus — Linien über die Straßen Generała Andersa und Bonifraterska halten am westlichen Rand des Viertels.
  • Auto — enge Gassen und gebührenpflichtige Stellplätze; besser außerhalb parken und mit dem Nahverkehr kommen.
  • Beste Zeit — morgens oder am späten Nachmittag, wenn der Andrang der Altstadt hier noch nicht oder nicht mehr ankommt.

Anreise und praktische Infos

Lage
Warschauer Innenstadt, nördlich der Altstadt — von der Barbakane in Richtung Zitadelle, an der Weichselböschung
Ursprüngliches Stadtgebiet
Neustädter Markt sowie die Straßen Freta, Kościelna, Koźla, Przyrynek, Stara und Zakroczymska
Schutzstatus
das historische Stadtensemble mit Königsweg und Wilanów ist seit der Verordnung des Präsidenten der Republik Polen vom 8. September 1994 Geschichtsdenkmal; die benachbarte Altstadt steht seit 1980 auf der UNESCO-Welterbeliste
Dauer
ein bis zwei Stunden für den Rundgang, mehr mit Museumsbesuch an der Freta
In der Nähe
Barbakane und Altstädter Markt im Süden, Warschauer Zitadelle und Traugutt-Park im Norden
Aktuelle Zeiten und Tickets
der Spaziergang durch das Viertel ist kostenfrei; Besuchsregeln für das Haus an der Freta nennt das Marie-Curie-Museum
Mapa: Google Maps · 52.2528, 21.0081

Wann am besten

Frühling

Blühende Bäume am Przyrynek und auf der Böschung, wenig Betrieb und lange helle Abende — die ruhigste Zeit für den Rundgang.

Sommer

Die meisten Gäste, dennoch deutlich weniger als in der Altstadt. Bei Hitze lohnt der Abstieg über die Kościelna zu den Weichselboulevards.

Herbst

Flaches Licht auf Ziegeltürmen und Putzfassaden, der Markt oft fast leer. Gute Zeit zum Fotografieren.

Winter

Kurze Tage und Wind von der Weichsel. Dafür geben die kahlen Bäume auf der Böschung den weitesten Blick über den Fluss frei.

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