Der Name: Marienstadt
Der Name ist deutsch und wörtlich zu nehmen. 1762 erhielt Eustachy Potocki dieses Gelände mit der Mitgift seiner Frau Maria geborene Kątska und gründete hier eine sogenannte Jurydyka — eine private Kleinstadt, die der Gerichtsbarkeit des Warschauer Magistrats entzogen war. Er benannte sie nach seiner Frau: Marienstadt, auf polnisch Mariensztat. 1784 wurde der Ort nach Warschau eingemeindet.
Die Siedlung liegt tief, am Fuß der Weichselböschung auf früherem Überschwemmungsgelände. Die Bebauung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschob das Flussbett um etwa 150 Meter nach Osten — ein guter Hinweis darauf, wie beweglich die Weichsel bei Warschau einmal war.
Im 19. Jahrhundert lebte das Viertel von Handel und Kleingewerbe. In der Bednarska-Straße entstand 1861–1863 die Druckerei von Samuel Orgelbrand, dem Verleger der großen polnischen Universalenzyklopädie. Um 1865 wurde der Platz zum wichtigsten Markt des Weichselviertels, und 1913 zogen die Händler vom geschlossenen Altstadtmarkt hierher.
Vor dem Krieg und 1944
1910–1911 baute Matias Taubenhaus hier ein Mietshaus mit neun Geschossen, damals das höchste Wohngebäude Warschaus. Der Bau von Pancers Viadukt 1844–1846, der Verkehrsweg vom Königsschloss zur späteren Kierbedź-Brücke, hatte schon vorher Teile der alten Bebauung gekostet.
Einen guten Ruf hatte das Viertel nicht. Das Mariensztat der Zwischenkriegszeit galt als arm und vernachlässigt, näher am Hafenmilieu des Weichselufers als an der Prachtstraße Krakowskie Przedmieście wenige Meter weiter oben. 1944, nach dem Warschauer Aufstand, zerstörten deutsche Truppen die Bebauung; im Oktober wurde auch das Viadukt gesprengt.
Die Siedlung von 1949
Hier begann der Wiederaufbau früher als im Rest der Stadt, und das hatte einen Grund: durch die Böschung wurde damals die Ost-West-Trasse (Trasa W–Z) mit einem Tunnel unter der Altstadtachse und einer neuen Weichselbrücke getrieben, und Mariensztat lag genau an ihrer Strecke. Die Siedlung für die Bauarbeiter entstand 1948–1949 nach dem Entwurf von Zygmunt Stępiński, koordiniert von Józef Sigalin.
Gebaut wurden 53 kleine Häuser, davon knapp dreißig an der Bednarska. Das alte Straßennetz gab man auf, die hohen Mietshäuser am Viadukt wurden abgetragen. Das neue Mariensztat sollte wie eine Kleinstadt wirken: zwei Obergeschosse, Ziegeldächer, einfache Arkaden, warm getönte Fassaden, Vorbilder aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Man nennt das Sozialistischen Realismus, aber es ist seine freundliche, fast märchenhafte Variante.
Im Juli 1949 wurde die Siedlung gemeinsam mit der Ost-West-Trasse eröffnet und diente der Propaganda sofort als Schaufenster des Wiederaufbaus. 2009 kam der städtebauliche Grundriss ins Denkmalregister.
Der Marktplatz
Mittelpunkt ist der rechteckige Marktplatz, auf drei Seiten von dreigeschossigen Häusern mit Ziegeldach gefasst und nach Norden zur Ost-West-Trasse hin offen. Diese fehlende vierte Seite ist Absicht: vom Platz sieht man die Verkehrsachse, von der Achse den Platz.
Auf dem Platz steht ein Brunnen mit Knabenfiguren des Bildhauers Jerzy Jarnuszkiewicz. Der Platz selbst ist älter als seine Häuser: einen Markt gab es hier seit 1843, 1853 wurde er durch Abbruch einiger Häuser erweitert, seine heutige Form und seinen Namen erhielt er 1949.
Anfahrt und Hinweise
- Zu Fuß — der schönste Weg führt vom Schlossplatz an der Annenkirche vorbei hinunter; von Krakowskie Przedmieście geht es über die Bednarska.
- Metro — Station Nowy Świat-Uniwersytet (Linie M2) liegt wenige Minuten entfernt.
- Tram und Bus — Linien auf der Ost-West-Trasse halten direkt an der Siedlung, auf beiden Seiten der Straße.
- Auto — enge Einbahnstraßen und gebührenpflichtige Stellplätze; besser weiter oben parken.
- Zeit — eine Viertelstunde genügt für die Siedlung selbst, sie passt gut in einen Spaziergang von der Altstadt zur Weichsel.
- Im Film — „Abenteuer in Marienstadt“ (1953), der erste polnische Farbfilm, spielt hier und zeigt den Wiederaufbau in Bewegung.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Warschauer Innenstadt, Stadtteil Powiśle, am Fuß der Böschung zwischen Schlossplatz, Ost-West-Trasse und Bednarska-Straße
- Entstehung
- Gründung der Siedlung 1762; heutige Bebauung 1948–1949 nach Entwurf von Zygmunt Stępiński
- Sehenswert
- rechteckiger Marktplatz mit dem Brunnen von Jerzy Jarnuszkiewicz, die Wohnbebauung, der Orgelbrand-Platz
- Schutzstatus
- städtebaulicher Grundriss seit 2009 im Denkmalregister
- Dauer
- eine Viertel- bis halbe Stunde
- In der Nähe
- Altstadt, Königsschloss, Annenkirche, Weichselpromenade
- Aktuelle Zeiten und Tickets
- die Siedlung besteht aus öffentlichen Straßen, frei zugänglich und kostenlos; Führungen und Veranstaltungen kündigt das offizielle Warschauer Tourismusportal an
Wann am besten
Mit dem Brunnen und den ersten Außentischen kommt Leben auf den Platz, und die Böschung über der Siedlung wird grün.
Unter der Böschung ist es kühler und schattiger als oben auf der Prachtstraße; die Abende auf dem Platz sind oft überraschend ruhig.
Die beste Zeit für Fotos: tief stehende Sonne in den engen Gassen, nasse Ziegeldächer, warme Putzfarben.
Die Siedlung ist klein und windgeschützt, der Spaziergang lohnt sich auch bei Kälte; von der Altstadt führen beleuchtete Treppen herunter.
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Entfernungen in Luftlinie ab „Mariensztat" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
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