Der Stadtpräsident, der Warschau Wasser gab
Warschau trank im 19. Jahrhundert aus flachen Brunnen, und ohne Kanalisation bedeutete das wiederkehrende Seuchen. Die Wende kam unter Sokrates Starynkiewicz, einem russischen General, der die Stadt fast zwei Jahrzehnte lang verwaltete und ihr Wasserleitungen, eine Kanalisation und einen Plan für den Ausbau beider hinterließ.
Den Entwurf bestellte die Stadt bei William Lindley, einem englischen Ingenieur mit Erfahrung im Wasserbau europäischer Städte. Die Bauleitung übernahm sein Sohn William Heerlein Lindley, der danach jahrzehntelang für Warschau arbeitete; eine Straße in Ochota trägt seinen Namen. Gebaut wurde 1883–1886, finanziert vor allem über städtische Anleihen.
Am 3. Juli 1886 floss das erste gefilterte Wasser in die Warschauer Haushalte. Seitdem hat die Anlage nie stillgestanden — zwei Weltkriege, mehrere Systemwechsel und ein vielfaches Anwachsen der Einwohnerzahl eingeschlossen.
Hinter der Ziegelmauer
Das Gelände umfasst etwa 36 Hektar im Block zwischen den Straßen Koszykowa, Krzywickiego, Filtrowa und Raszyńska — eine der größten geschlossenen Flächen der Innenstadt, von einer Ziegelmauer umgeben, über die von der Straße aus vor allem Bäume und Schornsteine zu sehen sind.
Kernstück sind die Langsamsandfilter: sechs Gruppen mit insgesamt 36 Kammern auf mehr als acht Hektar. Ihr Prinzip lässt sich nicht beschleunigen — das Wasser sickert durch eine Sandschicht, und die eigentliche Arbeit leistet der biologische Film, der auf ihr wächst. Dazu kommen Absetzbecken, ziegelgewölbte Reinwasserbehälter und Pumpenhallen.
Der Wasserturm von 1885–1886 hielt den Netzdruck bis 1924, dann wurde er außer Betrieb genommen. Gebaut wurde aus Ziegel, Granit und Sandstein; die Architektur ist konsequent zweckmäßig, mit industriellen Proportionen und sparsamem Detail. Alte Baumreihen prägen das Gelände, zwei Bäume stehen als Naturdenkmale unter Schutz.
Hundertvierzig Jahre Umbau
Die Anlage blieb nicht im Zustand von 1886. 1929–1933 kam ein Schnellfilterwerk nach kanadischer Lizenz hinzu, 1931 die Chlorung. Die Bombardierungen vom September 1939 beschädigten viele Bauten, Teile der Filtertechnik verschwanden; der Wiederaufbau dauerte Jahre, im Juli 1949 lief das Werk wieder.
Die jüngste große Investition ist die Ozonierungs- und Aktivkohlestufe von 2008–2010, benannt „Sokrates“ nach Starynkiewicz. So erfüllt das alte Wasserwerk heutige Normen, und das Wasser legt einen deutlich längeren Weg zurück als zu Lindleys Zeiten.
Denkmalschutz
Der Schutz wuchs in Etappen: Eintragungen ins Denkmalregister erfolgten 1973 und 2008. Am 18. Januar 2012 erklärte eine Verordnung des polnischen Präsidenten den Komplex zum Geschichtsdenkmal unter dem Namen „Warschau — Komplex der Filterstation von William Lindley“.
Begründet wurde das mit dem technischen Wert des Systems aus dem 19. Jahrhundert, seiner Bedeutung für die Stadtgeschichte und damit, dass es seinem ursprünglichen Zweck weiterhin dient. Die Schutzgrenze folgt der Ziegelmauer entlang der vier umliegenden Straßen. Das ist der seltene Fall eines Industriedenkmals, das kein Besucherbergwerk geworden ist, sondern ein Produktionsbetrieb geblieben.
Besuch und Anfahrt
- Betriebsgelände — ein Wasserwerk im Betrieb; der Zutritt ist nur in angemeldeten Gruppen und zu angekündigten Terminen möglich.
- Wassermuseum — auf dem Gelände gibt es ein Museum zur Geschichte der Warschauer Wasserversorgung; über die Zugänglichkeit informiert der Betreiber.
- Von der Straße — Mauer, Tore und Ziegelbauten sind von der Koszykowa und der Filtrowa gut zu sehen; schon der Weg entlang der Umfassung zeigt die Größe der Anlage.
- Metro — Station Politechnika (Linie M1), von dort etwa fünfzehn Minuten die Koszykowa nach Westen.
- Straßenbahn — Linien über den Starynkiewicz-Platz und die Raszyńska halten auf beiden Seiten des Geländes.
- In der Nähe — das Mokotów-Feld, die Wohnbauten der Filtrowa-Straße und die Technische Universität.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Warschau, Stadtteil Ochota, Koszykowa 81; das Gelände füllt den Block zwischen Koszykowa, Krzywickiego, Filtrowa und Raszyńska
- Entstehung
- 1883–1886, Entwurf William Lindley, Bauleitung William Heerlein Lindley
- Erstes Wasser
- 3. Juli 1886; seither ohne Unterbrechung in Betrieb
- Größe
- etwa 36 Hektar, 36 Langsamfilterkammern in sechs Gruppen
- Schutzstatus
- Geschichtsdenkmal seit dem 18. Januar 2012, Denkmalregister 1973 und 2008
- Hinweis
- Betriebsgelände — Besichtigung nur in angemeldeten Gruppen zu angekündigten Terminen
- In der Nähe
- Mokotów-Feld, Filtrowa-Straße, Starynkiewicz-Platz
- Aktuelle Zeiten und Tickets
- Termine und die Zugänglichkeit des Wassermuseums kündigt der Betreiber, die Warschauer Wasserwerke, an
Wann am besten
Die alten Baumreihen hinter der Mauer treiben früher aus als die Straßenbäume, weil der Wind sie dort nicht erreicht.
In den warmen Monaten gibt es die meisten Besichtigungstermine, weil die Wege zu den Filterkammern dann trocken sind.
Gute Zeit für den Weg entlang der Mauer: ohne Laub treten die Ziegelbauten hervor, die im Sommer im Grün verschwinden.
Die Langsamfilter arbeiten auch unter Eis weiter, Besichtigungen entfallen aber oft; von der Straße sieht man dann am besten den Wasserturm.
Weitere Sehenswürdigkeiten in Warschau
Entfernungen in Luftlinie ab „Lindleysche Filter" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
Übernachten in der Nähe
Wir arbeiten an einer Liste geprüfter Unterkünfte in der Region Warschau. Wenn Sie eine Pension, ein Ferienhaus oder ein Apartment in der Umgebung betreiben — melden Sie es an.
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