Aus einem Jagdwald wird ein Landschaftspark
Südlich der Warschauer Innenstadt, hinter dem Schloss Wilanów, liegt ein Stück Auenwald, das bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als Jagdrevier diente. Die Besitzer von Wilanów nannten es schlicht „Wäldchen auf der Insel“, und das Wasser rings herum gab ihnen recht: im Westen der Sobieski-Kanal und der Wilanów-See, im Osten das Flüsschen Wilanówka.
Anfang des 19. Jahrhunderts ließ Aleksandra Potocka den nördlichen Teil zu einem romantischen Garten umgestalten. Den Namen gab ihr jüngster Enkel Maurycy Eustachy Potocki, in der Familie Moryś gerufen. Angelegt wurde nicht die Natur, sondern der Blick darauf: einzelne Bauwerke, im Wald verstreut, die man beim Gehen findet.
Vier Ruinen und ein Forsthaus
- Rundpavillon — klassizistisches Lustschlösschen von 1811 nach einem Entwurf von Chrystian Piotr Aigner; erhalten sind die Außenmauern
- Neugotisches Tor — 1846, entworfen von Henryk Marconi
- Wächterhaus — 1850, von Franciszek Maria Lanci
- Oraculum — 1825: eine steinerne Götterfigur zwischen zwei Säulen
- Gajówka — hölzernes Forsthaus von 1846, das einzige Gebäude, das keine Ruine ist
Naturreservat statt Parkanlage
Seit 1996 ist der nördliche Teil ein Naturreservat von knapp 53,5 Hektar, umgeben von einer mehr als 250 Hektar großen Pufferzone. Geschützt wird ein Rest des Weichsel-Auenwaldes, wie er im Warschauer Stadtgebiet kaum noch vorkommt — ein Waldtyp, der nasse Füße braucht und deshalb fast überall der Stadtentwicklung gewichen ist.
Siebzehn Bäume sind als Naturdenkmale ausgewiesen: Silberpappeln, Winterlinden, Eschen und Ulmen. Totholz bleibt bewusst liegen, weil daran der größte Teil der Insekten und Pilze hängt. Bis 2014 brauchte man zum Betreten eine Genehmigung; seit der Schutzplan in Kraft ist, darf man die darin markierten Pfade frei nutzen. Sie führen an der Ruine des Wächterhauses vorbei zum Rundpavillon und zum Forsthaus.
1941: ein Lager am Waldrand
Im Oktober 1941 richteten die deutschen Besatzer am Rand des Parks ein Arbeitskommando für sowjetische Kriegsgefangene ein, eine Außenstelle des Lagers Beniaminów. Etwa vierhundertfünfzig Menschen waren dort untergebracht; bei der Auflösung im Dezember 1944 lebten noch rund sechzig.
Nach dem Krieg blieb Morysin von den großen Restaurierungen in Wilanów unberührt und verfiel weiter. Erst in den vergangenen Jahren legten Archäologen am Rundpavillon Wegplatten und Stuckreste frei. Das Museum will die Reste sichern, einen Teil der Dekoration wiederherstellen und den Ort dauerhaft in den Besuchsrundgang aufnehmen.
Anfahrt
- Mit dem Bus — Stadtbusse bis zur Endstation am Schloss Wilanów, von dort zu Fuß am Wilanów-See entlang
- Mit dem Auto — Parkplätze gibt es nur am Schloss; in das Reservat selbst geht man zu Fuß
- Mit dem Fahrrad — Wege entlang der Wilanówka und des Sobieski-Kanals verbinden Morysin mit Wilanów und Powsin
- Zu Fuß — vom Schlossgarten sind es gut fünfzehn Minuten
Praktische Hinweise
Morysin ist kein Stadtpark. Die Wege sind unbefestigt, nach Regen steht das Wasser lange, und im Auenwald gibt es von Mai bis September reichlich Mücken. Festes Schuhwerk und lange Ärmel helfen hier mehr als jeder Reiseführer.
Die Ruinen werden gesichert, sind aber nicht stabil; Absperrungen und Schilder stehen nicht zur Dekoration da. Am meisten erkennt man im Winterhalbjahr, wenn das Laub fehlt und sichtbar wird, wie die Bauwerke einst aufeinander bezogen waren. Wer das Schloss Wilanów besucht, sollte beides verbinden: der Gegensatz zwischen dem gepflegten Barockgarten und einem Wald, der über seine eigenen Ruinen gewachsen ist, macht diesen Ort aus.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Warschau, Stadtbezirk Wilanów — zwischen Wilanów-See, Sobieski-Kanal und der Wilanówka
- Fläche des Reservats
- knapp 53,5 ha, Pufferzone über 250 ha
- Schutzstatus
- Naturreservat seit 1996; das Gelände steht als Teil der Anlage von Wilanów im Denkmalregister
- Geschichtsdenkmal
- als Teil des Ensembles „Warschau — historische Stadtanlage mit Königsweg und Wilanów“, anerkannt am 16. September 1994
- Zeitbedarf
- eineinhalb Stunden für die Pfade, ein halber Tag zusammen mit dem Schloss Wilanów
- Barrierefreiheit
- unbefestigte, teilweise feuchte Wege, nicht für Rollstühle geeignet
- Aktuelle Öffnung und Tickets
- der Zugang zum Reservat ist frei; über Wegsperrungen und den Stand der Arbeiten informiert das Museum des Königsschlosses Wilanów
Wann am besten
Der Auenwald treibt schnell aus, das Bodenblühen dauert nur kurz. Beste Zeit für Vögel, weil das Laub die Kronen noch nicht verdeckt.
Die kühlste Ecke dieses Stadtteils, aber auch die mückenreichste; nach Gewittern sind die Pfade matschig.
Pappeln und Eschen färben sich über dem Wasser, und mit dem fallenden Laub treten die Mauern des Pavillons hervor.
Ohne Laub ist die ganze Parkstruktur zu erkennen und alle Ruinen auf einmal zu sehen; Frost trocknet die sonst nassen Wege.
Weitere Sehenswürdigkeiten in Warschau
Entfernungen in Luftlinie ab „Morysin" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
Übernachten in der Nähe
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