Lärche, Messing, kein Stahlnagel
Den Turm errichtete 1935 die Firma Christoph & Unmack aus Niesky in der Oberlausitz; als Konstrukteur gilt Paul Meltzer. Die Bauarbeiten begannen am 1. August 1934, die Montage des Turms selbst dauerte etwa fünf Monate. Seine Höhe wird mit 112 Metern angegeben, polnische Quellen nennen für den Holzkörper 111,1 Meter; bis 2013 kam ein Antennenmast hinzu, der auf 118 Meter führte.
Gebaut ist er aus imprägnierter Lärche, verbunden mit Holzdübeln und rund 16.000 Messingschrauben. Baustahl kommt nicht vor, weil Metall den Antennenbetrieb gestört hätte. Der Querschnitt ist quadratisch, die Silhouette folgt einer Parabel. Vor Ort heißt er Schlesischer Eiffelturm, was weniger kühn ist, als es klingt: das Prinzip der nach oben verjüngten Gitterkonstruktion ist dasselbe, nur das Material unterscheidet sich.
Im Inneren führt eine Leiter mit 365 Sprossen nach oben, Plattformen liegen bei 40,4, 55,3, 80 und 109,7 Metern. Seit der Abbruch des Holzturms von Żórawina im Herbst 1990 ist der Gleiwitzer Turm der höchste Holzturm der Welt.
Der 31. August 1939
Am Abend des 31. August 1939 drang eine Gruppe in abgetragener Zivilkleidung in die Senderanlage ein. Geleitet wurde sie von Alfred Naujocks vom SD, den Auftrag hatte Reinhard Heydrich gegeben. Die Belegschaft wurde überwältigt und mit Schüssen eingeschüchtert.
Die Männer landeten nicht im Studio, sondern im Verstärkergebäude an der Tarnogórska-Straße, und bekamen kein Mikrofon in Betrieb. Erst ein gewöhnliches Gewittermikrofon, das die Mitarbeiter unter Druck herausgaben, erlaubte es, das stärkere Signal aus Breslau zu unterbrechen. Gesendet wurden nur wenige Sätze auf Polnisch.
Am Tatort wurde Franciszek Honiok ermordet, ein vierzigjähriger Oberschlesier aus Łubie und Teilnehmer der Schlesischen Aufstände. Die Gestapo hatte ihn betäubt herangebracht, damit seine Leiche die Version eines polnischen Angriffs stützte; er gilt als erstes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Gleiwitz war eine von drei Inszenierungen dieser Nacht. Deutsche Sender meldeten den Überfall noch am selben Abend, wenige Stunden später begann der Angriff auf Polen. Für deutsche Besucher ist dies der wohl unbequemste und wichtigste Punkt des Besuchs.
Achtzig Jahre Sendebetrieb
Der erste Sender ging am 15. November 1925 als Relaisstation der Breslauer Funkstunde in Betrieb. Die neue, stärkere Anlage mit acht Kilowatt folgte im Dezember 1935; ab 1937 war sie Muttersender eines synchronen schlesischen Netzes, mit Görlitz als Tochtersender.
Am 22. Januar 1945 wurde der Betrieb eingestellt. Im Mai übernahmen polnische Behörden die Anlage, ab Oktober 1945 sendete von hier Polskie Radio Katowice. In den 1950er Jahren diente der Sender dem Störfunk gegen ausländische Stationen, darunter Radio Free Europe, später als Reservesender. Der historische Lorenz-Sender kam 1963 ins Technikmuseum Warschau und kehrte 2013 nach Gliwice zurück.
Vom Sender zum Museum
2002 kaufte die Stadt Gliwice die Anlage, 2005 übernahm das Museum Gliwice den Standort und richtete dort eine Abteilung zur Radiogeschichte und zur Medienkunst ein. 2009 wurde das Gelände als Park geöffnet und der Turm beleuchtet.
Der Komplex steht seit 1964 unter Denkmalschutz und wurde am 15. März 2017 zum Historischen Denkmal Polens erklärt. Der alte Sender arbeitet nicht mehr, dem Gerät fehlt die Endstufe. Am Turm hängen heute Antennen für Mobilfunk, Rettungsdienste und einen lokalen Radiosender — er ist also weiter in Gebrauch.
Anreise
- Mit dem Auto — die Anlage liegt im Norden von Gliwice an der Tarnogórska-Straße. Die Stadt liegt am Kreuz der Autobahnen A1 und A4, aus Dresden oder Berlin ist man über Wrocław durchgehend auf der Autobahn.
- Mit dem Nahverkehr — vom Hauptbahnhof Gliwice fahren Stadtbusse in Richtung Tarnogórska, von der Haltestelle sind es wenige Minuten zu Fuß.
- Mit der Bahn — Gliwice liegt an der Hauptstrecke von Katowice nach Opole und Wrocław und ist von Berlin über Wrocław gut erreichbar.
- Mit dem Fahrrad — von der Innenstadt sind es wenige flache Kilometer.
Gut zu wissen
Der Turm ist innen nicht zugänglich; die Leiter dient der technischen Wartung. Von außen lässt sich die Konstruktion aber aus wenigen Metern Entfernung betrachten, einzelne Balken und Messingverbinder inbegriffen.
Der eigentliche Besuch findet in den Gebäuden der alten Station statt, wo Technikgeschichte und die Ereignisse von 1939 erzählt werden. Zwei Stunden genügen. Die Anlage wurde modernisiert und die Ausstellung verändert sich, ein Blick auf die Museumsseite vor der Fahrt lohnt sich.
Für Fotos ist der Nachmittag günstig, für die beleuchtete Silhouette der Abend. Das Gelände ist flach und auch mit Kinderwagen gut begehbar.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Norden von Gliwice, an der Tarnogórska-Straße, Woiwodschaft Schlesien
- Turmhöhe
- 112 Meter; für den Holzkörper werden auch 111,1 Meter genannt
- Material
- imprägnierte Lärche, Holzdübel und rund 16.000 Messingschrauben, keine Stahlnägel
- Baujahr
- 1935, Montage in etwa fünf Monaten
- Rekord
- höchster Holzturm der Welt
- Status
- Denkmalschutz seit 1964, Historisches Denkmal Polens seit dem 15. März 2017
- Dauer
- etwa zwei Stunden mit Ausstellung
- Anreise ohne Auto
- Bahn bis Gliwice, dann Stadtbus in Richtung Tarnogórska
- Barrierefreiheit
- flaches Gelände; das Turminnere ist nicht zugänglich
- Aktuelle Zeiten und Tickets
- offizielle Seite des Museums Gliwice
Wann am besten
Das Grün rundherum treibt aus, und solange die Äste kahl sind, ist der Turm von weitem gut zu sehen. Ruhige Zeit für die Ausstellung.
Die meisten Gäste, vor allem an Wochenenden. Das Gelände ist offen und schattenarm, bei Hitze lohnt der frühe Morgen oder der Abend.
Ende August und Anfang September erinnern Veranstaltungen an die Ereignisse von 1939 — die dichteste Zeit für einen Besuch mit historischem Interesse.
Gegen den grauen Himmel wirkt die Holzkonstruktion besonders streng, und die Abendbeleuchtung ist jetzt am längsten in Betrieb.
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