Sehenswürdigkeit der Region Woiwodschaft Podlachien

Narew-Nationalpark — ein Fluss mit vielen Betten

Zwischen Suraż und Rzędziany fließt die Narew nicht in einem Bett, sondern teilt sich in ein Dutzend miteinander verflochtener Arme. Der Park schützt dieses Labyrinth, die Moore ringsum und die Vogelwelt, die ohne solche Überschwemmungsflächen nicht brüten kann.

fot. Adam-dalekie-pole, CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Ein Fluss, der sich nicht entscheidet

Die Narew verhält sich hier anders als die meisten europäischen Flüsse. Statt eines mäandrierenden Bettes fließt sie gleichzeitig in mehreren Armen, die sich trennen, wieder zusammenfinden und Inseln aus Schilf und Seggen umschließen. Hydrologen nennen solche Flüsse anastomosierend; in Europa sind kaum welche übrig, weil im 19. und 20. Jahrhundert fast alle reguliert wurden.

Der geschützte Abschnitt ist rund 50 Kilometer lang und reicht von Suraż im Süden bis Rzędziany im Norden, westlich von Białystok. Aus der Luft sieht man keinen Fluss, sondern ein Geflecht aus Wasser in einem breiten, flachen Tal — daher der Beiname, der längst haften geblieben ist: polnischer Amazonas.

Vom Boden aus wirkt das völlig anders. Wasser ist überall, aber verdeckt von Schilf, das höher wächst als ein Mensch. Erst vom Steg, von einem Turm oder aus dem Kanu wird das System lesbar — und man erkennt, dass jedes Hochwasser es neu ordnet.

Ein Park fast ohne trockenen Boden

Der Park entstand am 1. Juli 1996 und umfasst 68,1 km². Es überwiegen nasse Lebensräume: Schilf- und Seggenriede, verlandende Altarme, Feuchtwiesen und Weidengebüsch. Wald gibt es wenig, und wo er steht, sind es Schwarzerlenbruch und Weidenauen — Gesellschaften, die wochenlanges Stauwasser vertragen.

Diese Landschaft ist nicht allein Natur. Jahrhundertelang mähten die Dörfer das Tal und holten das Heu im Winter über das Eis; diese Mahd hielt die Flächen offen. Als die Wiesenwirtschaft endete, wuchsen Teile der Seggenriede mit Schilf und Gebüsch zu — der Park mäht deshalb ausgewählte Flächen weiter, damit die Vögel ihre niedrige Vegetation behalten.

Das Tal ist als Ramsar-Gebiet ausgewiesen, also als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung. Die Parkverwaltung sitzt in Kurowo, in den Gebäuden eines Gutshofs aus dem 19. Jahrhundert am Talrand; dort beginnt praktisch alles, was man hier besichtigen kann.

Wer hier lebt

  • Rohrweihe — das Wahrzeichen des Parks; sie streicht einen Meter über dem Schilf und jagt im langsamen Suchflug, vom Steg aus fast täglich zu sehen.
  • Rohrdommel — fast so groß wie eine Gans und im Schilf trotzdem unsichtbar; der dumpfe Ruf des Männchens trägt morgens über einen Kilometer.
  • Wachtelkönig und Doppelschnepfe — europaweit bedrohte Arten der Feuchtwiesen; ihr Vorkommen ist das wichtigste Argument für die Mahd.
  • Vögel in Zahlen — 203 Arten nachgewiesen, davon 154 Brutvögel — auf dieser kleinen Fläche ein europäischer Spitzenwert.
  • Biber, Fischotter und Elch — der Biber baut die Landschaft eigenhändig um, und der Elch, der durch die Flachwasser watet, ist das größte Tier, das man vom Steg aus sieht.

Der Steg mitten durchs Moor

Der bekannteste Weg führt von Śliwno nach Waniewo. Er ist über einen Kilometer lang, verläuft als Holzsteg knapp über dem Wasser und quert Schilfgürtel und offene Flächen von einem Talrand zum anderen. An einigen Stellen endet der Steg, weil der Flussarm zu tief ist — dort übernehmen schwimmende Plattformen, die man an einem Seil selbst herüberzieht.

Die zweite Möglichkeit ist das Kanu. Die Narew ist hier ruhig und technisch anspruchslos, verlangt aber Aufmerksamkeit bei der Routenwahl: viele Arme enden im Schilf und man muss zurückpaddeln. Bei niedrigem Wasser hält man sich besser an den Hauptarm.

Dazu kommen Aussichtstürme und Plattformen am Talrand. Aus wenigen Metern Höhe wird die Struktur aus Wasser und Schilf sichtbar, und bei gutem Licht lassen sich die Wiesen auf der anderen Seite absuchen — mit Fernglas und etwas Geduld der bequemste Beobachtungsplatz im Park.

Anreise

  • Mit dem Auto — von Białystok nach Westen über Łapy, Uhowo, Waniewo oder Kurowo; die Zufahrten in die Dörfer sind schmal, die Parkplätze klein.
  • Mit der Bahn — Zug bis Łapy, von dort sind es wenige Kilometer ins Tal; aus Białystok und Warschau die einfachste Anreise ohne Auto.
  • Mit dem Fahrrad — die Ebene ringsum ist ideal, und die Dörfer auf beiden Seiten verbinden fast verkehrsfreie Straßen.
  • Zu Fuß — die Stegquerung Śliwno–Waniewo ist ein Ziel für sich; der Zugang von Suraż oder Uhowo füllt einen ruhigen Tag.

Praktische Hinweise

Alles hängt vom Wasserstand ab. Bei Hochwasser steht der Steg teilweise unter Wasser, bei sehr niedrigem Pegel setzen die schwimmenden Plattformen auf dem Grund auf und die Querung funktioniert nicht mehr. Ein Blick auf die aktuelle Mitteilung des Parks vor der Fahrt lohnt sich. Wasser bedeutet außerdem Mücken: von Mai bis August sind Mittel und langärmelige Kleidung wichtiger als gutes Schuhwerk.

Zum Beobachten taugen die erste Stunde nach Sonnenaufgang und die letzte vor der Dämmerung; mittags schweigt das Schilf. Ein Fernglas macht aus dem Spaziergang eine andere Unternehmung, und leise Schritte auf den Bohlen bringen einen überraschend nah heran. Hunde lässt man besser zu Hause — für Bodenbrüter sind sie eine echte Gefahr.

Anreise und praktische Infos

Lage
Tal der oberen Narew zwischen Suraż und Rzędziany, Woiwodschaft Podlachien, westlich von Białystok; Parkverwaltung in Kurowo
Fläche
68,1 km², überwiegend Feuchtlebensräume
Gründungsjahr
1996
Internationaler Schutz
Ramsar-Gebiet — Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung
Zeitbedarf
Steg Śliwno–Waniewo hin und zurück — etwa drei Stunden; Kanutour — ab einem halben Tag
Aktuelle Öffnungszeiten und Tickets
offizielle Website des Parks
Mapa: Google Maps · 53.0733, 22.8900

Wann am besten

Frühling

Hochsaison: das Hochwasser verteilt sich über das ganze Tal, die Vögel kehren zurück und besetzen Reviere, die Morgen sind die lautesten des Jahres. Der Steg steht stellenweise im Wasser.

Sommer

Das Schilf erreicht seine volle Höhe und nimmt vom Boden aus jede Sicht, dafür ist die Zeit fürs Kanu am besten. Die Mücken sind jetzt am lästigsten.

Herbst

Vogelzug, rostbraune Seggenriede und Nebel, der morgens über den Armen steht. Das Wasser fällt meist, der Steg ist trocken.

Winter

Das Tal friert zu und leert sich; auf dem Eis erkennt man die alte Ordnung der Mähwiesen. Bei Tauwetter ist das Eis nicht tragfähig — dann bleibt man am Ufer.

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Entfernungen in Luftlinie ab „Narew-Nationalpark" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.

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