Sehenswürdigkeit der Region Thorn

Die Thorner Neustadt — ein schräg gestellter Ring und eine Basilika mit Strebebögen

Thorn bestand fast zweihundert Jahre aus zwei getrennten Städten. Die 1264 gegründete Neustadt hatte ihr eigenes Rathaus, ihren eigenen Ring und ihre eigene Pfarrkirche — von allen drei sind Spuren erhalten. Handwerklich geprägt, ohne Weichselzugang und stets etwas im Schatten der Altstadt.

fot. DerHexer, CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Zwei Städte, ein Thorn

Die Neustadt wurde 1264 direkt neben der älteren Altstadt gegründet und war eine vollwertige, eigenständige Stadt — mit eigenem Rat, eigenem Markt und eigenem Wappen, das einen Wachtturm zwischen zwei Schilden des Deutschen Ordens zeigt. Flächenmäßig blieb sie kleiner als die Altstadt, und dieser Unterschied ist noch heute zu spüren.

Entscheidend war aber nicht die Größe. Die Neustadt hatte keinen Zugang zur Weichsel und damit keinen Anteil am Fernhandel, auf dem der Reichtum der Altstädter Kaufleute beruhte. Sie entwickelte sich als Handwerkerstadt, was man an der Bebauung sieht: die Bürgerhäuser am Neustädter Ring sind schlichter als ihre Altstädter Gegenstücke.

1454 wurden beide Städte vereinigt — unter Altstädter Herrschaft. Das Neustädter Rathaus verlor damit seine Funktion, wurde Nebensitz und schließlich Lagerhaus. Der Name Neustadt dagegen hat die Gründung um mehr als siebenhundertfünfzig Jahre überlebt.

Der Neustädter Ring

Der Platz wurde 1264 zusammen mit der Stadt angelegt: ein Quadrat von etwa 95 mal 95 Metern, wobei die Häuserfronten selbst nur je rund siebzig Meter messen. Daraus folgt die Besonderheit — aus jeder Ecke laufen zwei rechtwinklige Straßen als Verlängerung der Fronten, also acht Ausfahrten statt vier.

Die zweite Eigenheit fällt beim Betreten auf: die Seiten des Rings liegen schräg zu den Himmelsrichtungen. Das Straßennetz ist ansonsten regelmäßig und schachbrettartig; eine Ausnahme bildet die Straße Wielkie Garbary, die unregelmäßig verläuft, weil sie älter ist als der Plan.

Von der mittelalterlichen Bebauung ist wenig geblieben. Die Brände von 1413 und 1455, die Ordenskriege des 15. Jahrhunderts und später die schwedischen und napoleonischen Zerstörungen haben das meiste genommen; die heutigen Häuser gehen überwiegend auf frühneuzeitliche und Umbauten des 19. Jahrhunderts zurück.

Vom Rathaus zur Kirche und zurück

In der Mitte des Rings stand seit dem frühen 14. Jahrhundert das Neustädter Rathaus, mit Ratsstube, Schöffengericht, Kanzlei, Gewandhaus und Brotbänken; im Keller lagen Bierstube und Gefängnis. Diese Keller sind der einzige erhaltene Raum des gotischen Rathauses.

Nach 1454 sank das Gebäude in der Rangordnung, bis es 1668 eine völlig neue Aufgabe erhielt: die evangelische Neustadtgemeinde, die kurz zuvor die Jakobskirche verloren hatte, baute es zur Heilig-Dreifaltigkeits-Kirche um. In dieser Funktion hielt das gotische Rathaus bis zum beginnenden 19. Jahrhundert.

Dann erzwang der Bauzustand einen Neubau. 1824 wurde die neuromanische Kirche nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel fertiggestellt. Sie diente den Evangelischen bis 1918, war von 1927 bis 1939 orthodoxe Kirche der Thorner Gemeinde und beherbergt heute eine Kulturstiftung — immer noch mitten auf dem Platz, unter der Adresse Rynek Nowomiejski 28.

St. Jakob: Strebebögen im Kulmer Land

Die Pfarrkirche der Neustadt steht an der östlichen Ecke des Rings. Den Grundstein legte Bischof Hermann 1309, im selben Jahr begann der Chorbau; um 1320 war der Chor nutzbar, und bis etwa 1340 stand der Baukörper als dreischiffige Basilika — im Kulmer Land eine Seltenheit.

Die Basilikaform verlangte, die Gewölbelast des Hauptschiffs nach außen abzuleiten, weshalb hier nach dem Muster westeuropäischer Kathedralen Strebebögen eingesetzt wurden. Ab 1359 kamen Seitenkapellen hinzu, die Dächer der Seitenschiffe wurden angehoben, und die Bögen verschwanden darunter. Das charakteristische Doppeldach des Turms entstand nach dem Brand von 1455.

Zwei Details lohnen den Blick: der Chor ist nicht streng geostet, sondern nach Nordosten gedreht, damit die Kirche in das Straßenraster passte, und an den Kanten des Chores wechseln grün und gelb glasierte Ziegel mit dem roten Backstein. Die Kirche ist 53 Meter lang, der Turm 49 Meter hoch.

Im Inneren, und was fehlt

Gotisch sind ein Kruzifix des 14. Jahrhunderts in Form des Lebensbaums, aus der abgerissenen Dominikanerkirche St. Nikolaus übernommen, Wandmalereien unter dem Turm und im Chor, eine Marienfigur vom Ende des 14. Jahrhunderts und ein Passionsgemälde von etwa 1480–1490. Besonders verehrt wurde das schwarze Kruzifix aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Aus der protestantischen Zeit stammen der reich geschnitzte Orgelprospekt von 1611 und ein Jüngstes Gericht von 1603 aus der Werkstatt Anton Möllers in Danzig. Die meisten Altäre und die Kanzel von 1770 gehören ins 18. Jahrhundert; in den Seitenkapellen hängt eine Kreuzigung von Bartholomäus Strobel von 1634. Die neugotischen Chorfenster schuf 1913–1914 die Firma Franz Binsfeld aus Trier.

Und etwas, das nicht mehr da ist: 1703 raubte die schwedische Armee im Großen Nordischen Krieg die zwei größten Glocken. Eine davon, die Thornan, hängt bis heute im Dom zu Uppsala und ist die größte erhaltene mittelalterliche Glocke Schwedens. Die Kirche wechselte zweimal die Konfession: ab 1557 nutzten sie die Evangelischen, 1667 übernahmen die Benediktinerinnen sie zurück.

Anfahrt und Hinweise

  • Zu Fuß von der Altstadt — vom Altstädter Ring wenige Minuten über die Straßen Szeroka und Królowej Jadwigi; die Grenze der beiden mittelalterlichen Städte verlief genau hier
  • Bahn — von Toruń Główny mit dem Stadtverkehr über die Weichsel, von Toruń Miasto zu Fuß
  • Auto — das Zentrum liegt in der gebührenpflichtigen Parkzone; besser am Rand der Altstadt abstellen und gehen
  • Gut zu verbinden — Altstädter Ring mit Rathaus, Schiefer Turm, Stadtmauer und Weichselpromenade, dazu die Ruine der Ordensburg zwischen beiden Stadtteilen
  • Zeitbedarf — eineinhalb bis zwei Stunden für Ring, Kirche und Umgebung
  • Gut zu wissen — St. Jakob ist eine genutzte Kirche und seit 2021 Sanktuarium am Jakobsweg; die Zugangszeiten richten sich nach den Gottesdiensten

Anreise und praktische Infos

Lage
Toruń (Thorn), Neustadt — östlich der Altstadt, mit dem Neustädter Ring im Zentrum
Gründung
1264, als eigenständige Stadt neben der Altstadt
Vereinigung mit der Altstadt
1454, unter Altstädter Herrschaft
Neustädter Ring
quadratischer Platz von etwa 95 mal 95 Metern, Hausfronten je rund 70 Meter, schräg zu den Himmelsrichtungen, acht Straßenausfahrten
St.-Jakobs-Kirche
Grundstein 1309, Baukörper um 1340 fertig; dreischiffige Basilika mit Strebebögen; Länge 53 Meter, Turm 49 Meter
Ehemalige evangelische Kirche
Rynek Nowomiejski 28 — neuromanischer Bau nach Entwurf Karl Friedrich Schinkels, 1824 vollendet, an der Stelle des gotischen Neustädter Rathauses
Schutzstatus
Alt- und Neustadt im Denkmalregister seit dem 29. Dezember 1952; die Fronten des Neustädter Rings seit dem 14. April 1961; Geschichtsdenkmal seit dem 16. September 1994; das mittelalterliche Thorn seit 1997 UNESCO-Welterbe
Dauer
1,5 bis 2 Stunden
Aktuelle Öffnung und Tickets
oficjalny portal miasta Torunia
Mapa: Google Maps · 53.0114, 18.6116

Wann am besten

Frühling

Der Ring verliert das Wintergrau, und es sind noch weniger Gäste unterwegs als in der Altstadt. Gute Zeit für einen ruhigen Rundgang um die Kirche.

Sommer

Thorn ist voll, doch die Neustadt bleibt auch dann deutlich stiller; in der Kirche ist es kühler als auf dem aufgeheizten Platz.

Herbst

Tiefes Licht zeigt die glasierten Ziegel am Chor und die Struktur des Backsteins am besten — die stärkste Zeit für Fotos.

Winter

Kurze Tage und wenig Licht im Inneren, aber der leere Ring hat seinen eigenen Charakter und der Baukörper der Basilika zeichnet sich scharf gegen den Himmel ab.

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Entfernungen in Luftlinie ab „Neustadt von Thorn (Toruń)" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.

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