Was vom Ring übrig ist
Stargard umschloss sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit einer Mauer aus Feldstein und Backstein; vorher hatten Erd- und Holzwälle die Stadt geschützt. Der Ring umfasste die ganze Altstadt und galt im 15. und 16. Jahrhundert als das stärkste Befestigungswerk Pommerns — er wurde erhöht, verstärkt und für Feuerwaffen umgebaut, denn gleich hinter der Grenze wuchs Brandenburg.
Im 19. Jahrhundert verlor die Mauer ihren Sinn, und die Stadt brauchte Platz für Eisenbahn und Industrie: mehr als die Hälfte des Rings wurde abgetragen. Erhalten ist heute etwa ein Kilometer, mit Lücken, aber immer noch als geschlossener Umgang begreifbar. Wer ihm folgt, kommt in knapp einer Stunde dort an, wo er begonnen hat.
Die ältesten Partien erkennt man am besten beim Pyritzer Tor (Brama Pyrzycka). Lagenweise gesetzte Feldsteine mit Backsteinabschluss reichen dort etwa sechs Meter hoch — so hoch war die Mauer, bevor man ihr eine Backsteinaufmauerung aufsetzte. Den Materialwechsel sieht man von der Straße aus, ohne jede Tafel.
Ein Tor, das im Fluss steht
Das Mühlentor (Brama Młyńska) aus der Mitte des 15. Jahrhunderts ist der Grund, für den eine Anreise auch für einen halben Tag lohnt. Zwei Türme stehen beidseits des Ihna-Kanals, das Wasser läuft unter der Durchfahrt hindurch: ein Wassertor, das einzige erhaltene in Polen und eines von zwei in Europa. Es sicherte die Zufahrt von der Flussseite, auf der Waren in Richtung Stettiner Haff verschifft wurden, und steht am tiefsten Punkt des Rings, rund zwanzig Meter unter den höchstgelegenen Mauerabschnitten.
Die drei übrigen Tore haben als Durchfahrten überlebt, eingebaut in die heutige Bebauung. Das Pyritzer Tor stammt vom Ende des 13. Jahrhunderts und gilt in Polen als das schönste Stadttor Pommerns. Das Walltor (Brama Wałowa), ebenfalls vom Ende des 13. Jahrhunderts, verbindet als einziges in Pommern Gotik und Renaissance und trägt an der Flanke einen Latrinenerker. Das Johannistor hat seine neugotische Gestalt erst am Ende des 19. Jahrhunderts erhalten — also in der Zeit, in der die übrige Mauer fiel.
Türme über den Dächern
Zwei Türme überragen alles andere. Das Rote Meer (Morze Czerwone), um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert errichtet, ist vierunddreißig Meter hoch und damit der größte Stadtturm Polens. Kaum niedriger ist der Weberturm (Baszta Tkaczy, auch Eisturm) aus der Mitte des 15. Jahrhunderts mit einunddreißig Metern. Daneben stehen weit bescheidenere Bauten: der dreizehn Meter hohe Gefangenenturm und der Weißkopf (Białogłówka), dessen viereckiger Unterbau weiter oben in einen Rundturm übergeht.
An einigen Türmen entstanden im 16. Jahrhundert Basteien — niedrige, dickwandige Geschützstellungen. Sie zeigen am deutlichsten, dass diese Mauer kein einmaliges Projekt war, sondern eine über dreihundert Jahre immer wieder umgebaute Anlage, jedes Mal für andere Waffen. In der Bastei und im Pyritzer Tor sitzt heute das Archäologisch-Historische Museum, sodass zwei Punkte des Rings auch von innen zu sehen sind.
Warum die Mauer blieb und die Stadt nicht
Stargard erhielt 1243 Magdeburger Stadtrecht, am Ende des 13. Jahrhunderts kam lübisches Recht hinzu, und 1363 trat die Stadt der Hanse bei; die Schifffahrt auf der Ihna zur Ostsee war damals ihr wichtigstes Kapital. Von dieser mittelalterlichen Stärke erzählt der Stadtplan nichts mehr. Im März 1945 wurde Stargard zu über siebzig Prozent zerstört, die Altstadt brannte aus, und der Wiederaufbau folgte einem neuen Straßennetz — die alten Quartiere kehrten nicht zurück.
Deshalb sind die Mauer und die benachbarte Marienkirche der stärkste Rest des alten Stargard, und deshalb wirken beide zusammen anders als einzeln. Am 17. September 2010 wurden die Kirche Mariä Königin der Welt und das städtische Befestigungssystem mit Mauern, Toren und Türmen gemeinsam zum Geschichtsdenkmal (pomnik historii) erklärt — Polens höchste Denkmalkategorie.
Anreise
- Mit dem Auto — Stargard liegt etwa fünfunddreißig Kilometer östlich von Stettin (Szczecin) an den Straßen Richtung Posen und Köslin. Am Rand der Altstadt parken und zu Fuß weiter, denn der ganze Ring will gegangen werden.
- Mit der Bahn — die Stadt ist ein Bahnknoten an der Strecke von Stettin aus; vom Bahnhof bis zur Mauer sind es gut zehn Minuten Fußweg. Für eine Tagesfahrt ohne Auto die bequemste Variante.
- Zu Fuß — der Umgang entlang der erhaltenen Abschnitte dauert etwa eine Stunde. Am besten am Mühlentor über der Ihna beginnen und der Mauer folgen, statt durch die Altstadt abzukürzen.
Gut zu wissen
Die Mauer steht mitten in der Stadt: sie anzusehen kostet nichts und ist jederzeit möglich. Bezahlt wird erst für die Innenräume, die das Museum betreut. Bleibt nur Zeit für einen Ort, dann das Mühlentor — von den Brücken über die Ihna sieht man Wasser, Durchfahrt und beide Türme in einem Bild.
Fotografisch hilft tiefstehende Sonne, weil das dunkle Mauerwerk mittags seine Struktur verliert. Und es lohnt, die Marienkirche einzuplanen: beide Objekte bilden ein gemeinsames Geschichtsdenkmal, liegen wenige Minuten auseinander und machen erst zusammen deutlich, in welchem Maßstab hier im Mittelalter gebaut wurde.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Altstadt von Stargard an der Ihna, Woiwodschaft Westpommern
- Was es ist
- mittelalterlicher Stadtmauerring mit Toren und Türmen, heute auf etwa einem Kilometer erhalten
- Entstehung
- zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts; Umbauten und Erhöhungen vom 15. bis 16. Jahrhundert
- Erhaltene Tore
- Mühlentor (Wassertor über dem Ihna-Kanal), Pyritzer Tor, Walltor, Johannistor
- Höchster Turm
- Rotes Meer — vierunddreißig Meter, Wende 15./16. Jahrhundert
- Besonderheit
- Das Mühlentor ist das einzige erhaltene Wassertor Polens und eines von zwei in Europa
- Schutzstatus
- Geschichtsdenkmal seit dem 17. September 2010 (Marienkirche und Stadtmauer); Denkmalregister
- Dauer
- etwa eine Stunde für den Mauerring, mehr mit den Museumsräumen
- Aktuelle Zeiten und Tickets
- Archäologisch-Historisches Museum Stargard
Wann am besten
Die Mauer wirkt jetzt am klarsten, und das Laub verdeckt sie noch nicht — von mehreren Stellen sieht man die Türme in voller Höhe, im Sommer unmöglich.
Langes Licht und Zeit für einen ruhigen Umgang. An der Ihna beim Mühlentor ist es kühler als in den Gassen.
Die beste Zeit für Fotos: flache Sonne fällt schräg auf das Backsteinmauerwerk und holt die Struktur heraus, die bei vollem Licht verschwindet.
Kurzer Tag, aber ohne Laub ist das Mauerwerk am genauesten zu lesen. Der Umgang passt in eine Stunde, die Museumsräume sind im Warmen.
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Entfernungen in Luftlinie ab „Stadtmauer von Stargard" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
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