Eine Kirche aus bürgerlichem Ehrgeiz
Eine Kirche an dieser Stelle wird 1248 erstmals erwähnt, als der Bischof von Cammin Stargard an Herzog Barnim I. zurückgab und dabei die kirchlichen Verhältnisse regelte. Jener erste Bau aus Holz oder Granitquadern wurde für die wachsende Stadt an der Ihna bald zu klein.
Der Entschluss zu einem viel größeren Neubau fiel 1292, in den Jahren, in denen Stargard lübisches Stadtrecht erhielt. Die Bürger errichteten eine dreischiffige Hallenkirche ohne Turm, auf Fundamenten aus Granitquadern und mit Wänden aus Backstein. Diese Phase endete um 1324; erkennbar ist sie noch am gestuften Westgiebel mit seinen Blenden.
Stargard war damals Hafenstadt: über Ihna und Oder erreichte es die Ostsee und stritt mit Stettin um den Getreidehandel. Die Marienkirche war ein Kommentar zu diesem Streit in Backstein — ein sichtbarer Beleg, dass sich die Stadt großstädtisches Bauen leisten konnte.
Umgang, Kapellen und Galerie
Der Umbau der Hallenkirche begann in den 1380er Jahren. 1388 entstand im Norden die achteckige Marienkapelle mit Zeltdach, die übrigen Arbeiten zogen sich bis etwa 1500 hin. Aus der Halle wurde eine Basilika, über der Westfassade standen nun zwei Türme.
Den Chorumbau schreibt die Forschung Hinrich Brunsberg aus Stettin zu, einem der wenigen namentlich bekannten Meister der Backsteingotik im Ostseeraum. Der Chor erhielt einen Umgang mit Kapellenkranz, darüber ein umlaufendes Blendtriforium — dieses Motiv begründet den Rang der Kirche, denn in der pommerschen Architektur hat es keine Parallele. An der Marienkapelle und den Nordkapellen sitzen keramische Köpfe, ein Lieblingsdetail der Brunsberg-Werkstatt.
Die Maße wirken neben der heute eher kleinen Stadt beachtlich: knapp 78 Meter Länge, fast vierzig Meter Breite, ein Mittelschiff von rund dreißig Metern und über 89.000 Kubikmeter Bauvolumen. Der Nordturm überschreitet achtzig Meter und trägt seit 2006 eine Aussichtsterrasse. Die Stargarder nennen die Kirche „Kathedrale”, obwohl sie keine ist — die Kathedrale des Erzbistums steht in Stettin.
Vier Jahrhunderte Umbauten
1534 nahm Pommern die Reformation an, und die Kirche gehörte für mehr als vier Jahrhunderte der lutherischen Gemeinde. Die schwerste Zerstörung brachte der Brand von 1635: Gewölbe und Türme stürzten ein, der Wiederaufbau zog sich bis in die Mitte der 1650er Jahre.
Aus der barocken Phase stammt die wertvollste Ausstattung: der hölzerne Hochaltar von 1663 mit Gemälden Heinrich Redtels, darunter ein Christus vor Pilatus nach einer Radierung Rembrandts, und die schwarz-goldene Kanzel von 1683 mit den vier Evangelisten am Korb. 1723 erhielt der Nordturm eine barocke durchbrochene Haube, das Innere eine neue Fassung.
Das 19. Jahrhundert drehte die Mode um. 1819–1824 wurde die Kirche regotisiert, Anfang des 20. Jahrhunderts folgte eine gründliche Restaurierung, abgeschlossen mit der Weihe am 30. August 1911 in Anwesenheit Wilhelms II. Aus dieser Kampagne stammen acht Glasfenster der Frankfurter Werkstatt Linnemann, von denen ein Teil gut erhalten blieb.
Vom Lagerraum zur Kollegiatkirche
1945 vernichtete ein Brand die Haube des Nordturms und das Dach, das Innere wurde verwüstet. Der behelfsmäßige Wiederaufbau dauerte von 1946 bis 1948, danach diente das Gebäude fast ein Jahrzehnt als Lager.
Die Pfarrei wurde am 4. Mai 1957 errichtet, und am 30. November desselben Jahres konsekrierte Kardinal Stefan Wyszyński die Kirche neu. 1962 kam die Turmhaube zurück, vier Jahre später ein Fenster der Gottesmutter als Königin der Welt — daher das heutige Patrozinium. Den Rang einer Kollegiatkirche verlieh ihr 1995 Erzbischof Marian Przykucki, der hier ein Kapitel einrichtete.
Seit dem 22. Februar 1958 steht die Kirche im Denkmalregister; mit Verordnung des polnischen Präsidenten vom 17. September 2010 wurde sie gemeinsam mit der mittelalterlichen Stadtmauer zum Geschichtsdenkmal (pomnik historii) erklärt. Die letzte große Instandsetzung von Fassaden, Malereien und Beleuchtung lief von 2020 bis 2023. Die Kirche gehört außerdem zur Europäischen Route der Backsteingotik.
Die Stadtmauer gehört dazu
Das Geschichtsdenkmal umfasst in Stargard zwei Dinge auf einmal: die Kirche und die Befestigung. Die Mauer entstand ab dem späten 13. Jahrhundert und war ursprünglich über zwei Kilometer lang; erhalten sind etwa 1.040 Meter, vier Wehrtürme und drei Tore. Am besten lesbar ist der Abschnitt am Pyritzer Tor.
Das bemerkenswerteste Stück ist das Mühlentor, ein über die Ihna gespanntes Wassertor und als solches das einzige in Polen. Der Turm „Rotes Meer” ist mit vierunddreißig Metern der höchste Stadtturm des Landes; seinen Namen verbindet die Überlieferung mit einem blutigen Gefecht im Dreißigjährigen Krieg. Dazu kommen das Pyritzer Tor und das Walltor, dessen weitläufige Barbakane im 18. Jahrhundert abgetragen wurde.
Ein Rundgang entlang der Mauer dauert etwa eine Stunde und zeigt den Maßstab des mittelalterlichen Stargard deutlicher als das Kircheninnere allein.
Anreise
- Mit der Bahn — Stargard ist Knotenpunkt der Strecken von Stettin nach Posen, Köslin und Danzig; vom Bahnhof sind es gut zehn Minuten zu Fuß zum Altstadtmarkt.
- Mit dem Auto — die Stadt liegt an der Schnellstraße S10 nahe der S3, rund fünfunddreißig Kilometer östlich von Stettin.
- Zu Fuß in der Altstadt — die Kirche schließt den Markt nach Osten ab; Mauer, Mühlentor und Rathaus liegen wenige Minuten entfernt.
- In der Umgebung — Stettin mit der Hakenterrasse, der Madüsee und die ehemalige Zisterzienserabtei Kolbatz sind kurze Fahrten.
Praktische Hinweise
Das Innere erschließt sich am besten auf dem Chorumgang. Erst von diesem Weg aus sieht man, wie die Kapellen den Raum nach außen ziehen und die Galerie darüber die Wand in zwei Geschosse teilt. Vom Mittelschiff aus bleibt dieses Gefüge nahezu unsichtbar.
Die Turmterrasse lohnt sich vor allem wegen des Gesamtbildes: Altstadtdächer, Mauerverlauf und Ihnatal auf einen Blick. Der Zugang ist saisonal, ein Blick auf die Pfarrseite vor der Fahrt hilft.
Für Kirche und Mauer sollte man mindestens anderthalb Stunden ansetzen. Stargard hat mit der Johanniskirche eine zweite gotische Großkirche und ein Museum in einem alten Bürgerhaus am Markt — aus dem Zwischenstopp zwischen Stettin und Köslin wird so ein ruhiger halber Tag.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Altstadtmarkt in Stargard, Woiwodschaft Westpommern — an der Ihna, etwa fünfunddreißig Kilometer östlich von Stettin
- Umfang des Denkmals
- die Kollegiatkirche mit Zubehör sowie die mittelalterliche Stadtmauer mit Toren und Wehrtürmen
- Datierung
- Hallenkirche 1292–1324, Umbau zur Basilika von den 1380er Jahren bis etwa 1500
- Stil und Besonderheiten
- Backsteingotik; Chorumgang mit Kapellenkranz, umlaufendes Blendtriforium, achteckige Marienkapelle von 1388
- Maße
- knapp 78 Meter Länge, Mittelschiff etwa dreißig Meter hoch, Nordturm über achtzig Meter
- Schutzstatus
- Denkmalregister seit 22. Februar 1958; Geschichtsdenkmal seit 17. September 2010 gemeinsam mit der Stadtmauer
- Kollegiatkirche seit
- 1995, verliehen von Erzbischof Marian Przykucki, der hier das Stargarder Kapitel einrichtete
- Zeitbedarf
- eine halbe Stunde für das Innere, anderthalb bis zwei Stunden mit Mauer, Turm und Altstadt
- Aktuelle Öffnungszeiten und Tickets
- offizielle Seite der Pfarrei an der Kollegiatkirche in Stargard
Wann am besten
Mauer und Mühlentor treten aus dem Wintergrau heraus, an der Ihna wird die Promenade grün. Im Inneren ist es noch kühl, eine Schicht mehr hilft.
Zeit der Orgelkonzerte und der längsten Öffnung der Turmterrasse. Der Backsteinraum bleibt auch an heißen Nachmittagen kühl.
Bestes Licht für die Fassaden und die wenigsten Leute im Chorumgang. Vom Turm sieht man, wie sich das Ihnatal in der zweiten Oktoberhälfte färbt.
Der Besuch verlagert sich nach innen: Malereien, Altar und Kanzel gewinnen bei Kunstlicht. Die Turmterrasse ist dann oft geschlossen.
Weitere Sehenswürdigkeiten in der Woiwodschaft Westpommern
Entfernungen in Luftlinie ab „Marienkirche in Stargard (Stargard in Pommern)" — aus echten Koordinaten berechnet. Auf der Straße oft länger.
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