Zwei Stadtgründungen und eine Mauer nach dem Tatarenzug
Lublin erhielt sein erstes Stadtrecht 1257, doch die Urkunde ist verloren und über die Stadt jener Jahre weiß man wenig. Maßgeblich für den heutigen Grundriss ist 1317: In diesem Jahr verlieh Władysław Łokietek (Wladislaus der Ellenlange) das Magdeburger Recht, und damals wurde der Markt vermessen, um den sich alles andere ordnet.
Eine Befestigung gab es zunächst nicht. Sie entstand erst nach dem Tatarenzug von 1341; der Chronist Janko von Czarnków schrieb sie Kasimir dem Großen zu und datierte sie auf die Jahre unmittelbar danach. Vom Mauerring sind drei Teile geblieben: das Krakauer Tor im Westen, das Burgtor (Brama Grodzka) zur Burg hin und der Gotische Turm.
Die Altstadt ist seit dem 23. Februar 2006 ein eigener Stadtbezirk. Er umfasst 0,94 km² und hat rund zweieinhalbtausend Einwohner — einer der kleinsten Bezirke Lublins und gleichzeitig derjenige, durch den die meisten Menschen gehen.
Ein Markt, der kein Quadrat ist
Der Altstadtmarkt ist ein Trapez von etwa 62 auf 72 Metern, und aus seinen Ecken führen sechs Gassen hinaus — das merkt man erst, wenn man ihn diagonal überquert. In der Mitte liegt kein freier Platz, sondern ein Gebäude, sodass zwischen dessen Wand und den Hausfronten nur ein schmaler Umgang bleibt.
Die erste Bebauung war aus Holz. Steinhäuser erscheinen in den Quellen gegen Ende des 16. Jahrhunderts, beschleunigt durch den Stadtbrand von 1575, der auch die Stiftskirche und die Dominikanerkirche zerstörte. Unter Denkmalschutz stehen heute unter anderem die Häuser Nummer 3, 4, 5, 6 (Chociszewski-Haus), 7, 9 (Haus zu den Löwen) und 17 (Wieniawski-Haus).
Der Zweite Weltkrieg kostete den Markt seine ganze Südzeile: Die Nummern 16 bis 20 verschwanden, die übrigen Häuser wurden beschädigt. Der Wiederaufbau folgte nach dem Krieg, unter anderem nach Entwürfen von Ignacy Kędzierski — ein Teil der alt wirkenden Fassaden stammt daher aus den 1950er-Jahren.
Vom Rathaus zum Gerichtshof
Das Gebäude in der Mitte des Marktes entstand 1389, nachdem das hölzerne Rathaus abgebrannt war. Der gotische Bau hatte zwei Türmchen und eine Außentreppe. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhielt er einen Renaissance-Attikaaufsatz, und nach dem Brand von 1575 baute man ihn im Stil der Renaissance wieder auf, nach dem Vorbild der Rathäuser von Sandomierz und Tarnów.
1578 verzichtete König Stefan Batory auf dem Warschauer Sejm auf seine Befugnisse als oberster Richter zugunsten eines Adelsgerichts. So entstand das Krontribunal, das Appellationsgericht des Adels mit zwei Sitzen: Lublin urteilte für Kleinpolen, Piotrków für Großpolen und Masowien. Das Rathaus wurde dafür umgebaut, in den 1680er-Jahren um ein zweites Obergeschoss erhöht und sein Turm erneuert.
Seine heutige klassizistische Gestalt erhielt der Bau 1781–1787 durch Dominik Merlini im Auftrag von König Stanisław August Poniatowski. Das Gebäude wurde dabei fast auf die doppelte Breite gezogen, das zweite Geschoss für die Landgerichte ausgebaut. Das Relief mit dem Gerechtigkeitssymbol im Giebel wurde 1977 rekonstruiert, der Denkmaleintrag erfolgte am 14. Februar 1967.
Heute sind hier der Hochzeitspalast und ein Museum zur Geschichte des Rathauses und des Krontribunals untergebracht. Der frühere Weinkeller und das Gefängnis im Untergeschoss gehören zum Lubliner Untergrundweg, einem begehbaren Gang unter dem Markt, der mehrere Häuser verbindet.
Das Krakauer Tor und fünf Stockwerke Stadtgeschichte
Das Tor an der Straße nach Krakau entstand in der Mitte des 14. Jahrhunderts zusammen mit der Mauer. Im 15. Jahrhundert wurde es deutlich erhöht, und das Mauerwerk erhielt schräge Bänder aus Klinkerbrand — dunkel überbranntem Ziegel, der dem Turm bis heute ein sichtbares Muster gibt. Die Brände von 1515 und 1575 erzwangen Wiederaufbauten.
Im 16. Jahrhundert kamen wohl das achteckige Obergeschoss, eine kupferne Haube und ein Vortor hinzu, im 18. Jahrhundert ein barocker Zug. Seit 1957 und 1967 steht das Tor unter der Nummer A/146 im Denkmalregister.
Innen verteilt sich auf fünf Geschossen das Museum zur Geschichte der Stadt Lublin; seine Ausstellung reicht vom 6. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Rundgang führt nach oben, sodass das Tor gleichzeitig Aussichtspunkt über den Markt und über den Łokietek-Platz auf der anderen Seite ist.
Erzkathedrale, Turm und eine Sakristei für Flüstertöne
Die heutige Erzkathedrale St. Johannes der Täufer und St. Johannes der Evangelist begannen die Jesuiten 1586 nach Plänen von Giovanni Maria Bernardoni und Giuseppe Brizio. Geweiht wurde sie am 25. April 1604, fertiggestellt 1625. Nach dem Brand von 1752 richtete man das Innere barock wieder ein, und fünf Jahre später überzog Josef Meyer es mit illusionistischen Fresken, die auf glatten Flächen Architektur vortäuschen.
Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 ging der Bau an die Trinitarier, verfiel und diente 1797 als Getreidespeicher. 1805 wurde er Kathedrale, 1992 Erzkathedrale. Die klassizistische Fassade entwarf 1821 Antonio Corazzi; 1878 wurde sie umgestaltet, nach den Kriegsschäden unter Bischof Stefan Wyszyński wiederhergestellt.
Die größte Besonderheit im Inneren ist die akustische Sakristei: Ein in einer Ecke geflüstertes Wort ist in der gegenüberliegenden klar zu hören, in der Raummitte dagegen nicht. Unter der Kirche liegen die Krypten der Lubliner Bischöfe.
Daneben steht der Trinitarierturm, der höchste historische Aussichtspunkt der Stadt. Er begann als Klosterpforte und Zugang zum Kolleg, wurde 1627 erhöht und zum Glockenturm umgebaut; seinen Namen gaben ihm die Trinitarier, die ihn nach der Jesuitenaufhebung nur kurz besaßen. 1818 ging er an die Stadt, im 19. Jahrhundert gestaltete Corazzi ihn neugotisch um, und nach den Kriegsschäden wurde er 1945–1952 wiederaufgebaut. Vier Glocken hängen darin, darunter Maria, die größte Lublins, die nur zu besonderen Anlässen läutet. Die Aussichtsplattform liegt auf etwa vierzig Metern, in den Turmräumen zeigt das Erzdiözesanmuseum seine Sammlung.
Lubliner Renaissance — ein Stil mit eigenem Namen
Wer in dieser Gegend mehrere Kirchen besichtigt, wird sie einander ähnlich finden, und das hat einen Grund. Die Kunstgeschichte nennt diese Richtung Lubliner Renaissance oder Lubliner Typus; in die Fachliteratur führte sie Władysław Tatarkiewicz 1926 ein, nach dem Krieg wurde sie als polnischer Beitrag zur europäischen Kunst herausgestellt.
Zu erkennen ist sie an mehreren Merkmalen: ein einfacher Grundriss und eine Fassade ohne Turm, ein gegenüber dem Schiff schmaleres Presbyterium mit halbrunder Apsis, ein schlanker, leichter Baukörper oft mit Strebepfeilern, und ein ungewöhnlich reicher Dekor, der nicht als eigener Stuck aufgesetzt, sondern direkt im Mörtel mit starken Bindemitteln gezogen wurde. Die drei Hauptzentren sind Zamość, Kazimierz Dolny und Lublin.
In Lublin selbst gehören die Dominikanerbasilika mit der Firlej-Kapelle von 1630, die Bernhardinerkirche St. Paul, die Heilig-Geist-Kirche und die erwähnte Jesuitenkirche, also die heutige Kathedrale, zu dieser Gruppe. Die geometrische Kassettendekoration verwendete zuerst Bernardo Morando im Chor der Stiftskirche von Zamość; das bekannteste Beispiel des Typus ist die 1610–1613 von Jakub Balin umgebaute Pfarrkirche in Kazimierz Dolny. An späteren Kirchen der Gruppe arbeiteten Jan Wolff und Jan Jaroszewicz.
Ein Platz ohne Kirche
Der stillste Ort der Altstadt ist der Plac Po Farze, der Platz der einstigen Pfarrkirche. Hier stand St. Michael, der Überlieferung nach 1282 gestiftet nach einem Traum des Herzogs Leszek des Schwarzen unter einer Eiche — die Sage von diesem Traum und dem Sieg, für den der Herzog eine Kirche versprach, hängt dem Ort bis heute an.
Die Kirche gibt es seit 1846 nicht mehr; ihr Bauzustand führte zum Abbruch. Die Fundamente kamen bei Arbeiten 1936–1938 zutage, vollständig sichtbar gemacht wurden sie aber erst nach einer Sanierung 2002. Heute ist der Mauerverlauf im Pflaster nachgezeichnet, man kann also das verschwundene Schiff abschreiten. Vom alten Ensemble blieb das Pfarrhaus, in dem ein Jugendkulturhaus arbeitet.
Anfahrt
- Zu Fuß aus der Innenstadt — die Altstadt beginnt am Łokietek-Platz gegenüber dem Krakauer Tor, erreichbar direkt über das Krakowskie Przedmieście; ein Rundgang dauert eine Stunde.
- Mit der Bahn — der Bahnhof Lublin liegt südlich der Altstadt, von dort weiter mit Bus und Trolleybus oder zu Fuß durch die Innenstadt.
- Mit dem Auto — innerhalb der Mauern ist der Verkehr beschränkt und die Gassen sind eng; das Auto bleibt besser in der Innenstadt oder am Burgberg.
- Öffentlicher Verkehr — die Haltestellen am Krakowskie Przedmieście und an der Aleja Tysiąclecia bedienen fast alle Linien durch das Zentrum, von dort sind es wenige Minuten zum Markt.
Praktische Hinweise
Für den reinen Rundgang genügt eine Stunde; mit dem Aufstieg im Krakauer Tor, dem Trinitarierturm und dem Gang unter dem Markt wird es ein halber Tag. Am besten beginnt man mit dem Turm, denn die Übersicht von oben erklärt den Grundriss, der auf Straßenniveau unlesbar bleibt.
Die Altstadt ist kompakt und vollständig zu Fuß zu bewältigen, das Pflaster ist jedoch unregelmäßig, und zwischen Łokietek-Platz und Burgberg ist mit Steigungen zu rechnen. Das beste Licht auf die Marktfassaden gibt es vormittags, wenn die Sonne über der Ostzeile steht.
Das Ensemble ist als Geschichtsdenkmal unter dem Namen „Lublin — historisches architektonisch-städtebauliches Ensemble“ geschützt; die Verordnung des Präsidenten der Republik Polen datiert vom 25. April 2007 und trat am 16. Mai desselben Jahres in Kraft. Die Grenzen schließen den Burgberg ein, sodass sich die Burg mit der Dreifaltigkeitskapelle gut an denselben Besuch anhängen lässt.
Anreise und praktische Infos
- Lage
- Altstadt (Stare Miasto), Lublin, Woiwodschaft Lublin — zwischen Łokietek-Platz und Burgberg
- Fläche des Bezirks
- 0,94 km², rund zweieinhalbtausend Einwohner
- Stadtgründung
- 1317, Magdeburger Recht, Privileg Władysław Łokieteks; eine frühere Gründung von 1257 ohne erhaltene Urkunde
- Markt
- Trapez von etwa 62 auf 72 Metern, sechs Gassen aus den Ecken, in der Mitte das Krontribunal
- Erhaltene Befestigung
- Krakauer Tor, Burgtor (Brama Grodzka) und Gotischer Turm
- Schutzstatus
- Geschichtsdenkmal „Lublin — historisches architektonisch-städtebauliches Ensemble“, Verordnung des Präsidenten der Republik Polen vom 25. April 2007
- Zeitbedarf
- eine Stunde für den Spaziergang, ein halber Tag mit Tor, Turm und Untergrund
- Aktuelle Öffnungszeiten und Tickets
- offizielles Portal der Stadt Lublin
Wann am besten
Das Pflaster ist trocken und es sind noch wenige Gäste unterwegs — die beste Zeit, ohne Warten auf den Trinitarierturm zu steigen und den Plac Po Farze in Ruhe abzugehen.
Die Altstadt ist am lebendigsten: Gastgärten auf dem Markt, Straßenkünstler, Festivals auf dem Łokietek-Platz und in den Höfen. Die dicken Tormauern und der Gang unter dem Markt sind bei Hitze willkommen.
Das flache Licht holt die Struktur des überbrannten Ziegels am Krakauer Tor und die Schatten der Attiken an den Häusern heraus. Gute Zeit für die Museen im Tor und im Turm und für die Kirchen der Lubliner Renaissance.
Kurze Tage und wenig Publikum, dafür sind die Kathedrale und der unterirdische Weg unter dem Markt dann der angenehmste Teil des Besuchs. Vorsicht auf dem glatten, unebenen Pflaster an den Hängen zur Burg.
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